August-Vorfall

Der August-Vorfall in Nordkorea von 1956, auch August-Fraktionsvorfall genannt, war ein innerparteilicher Konflikt in der Partei der Arbeit Koreas im August und…

August-Vorfall

Der August-Vorfall in Nordkorea von 1956, auch August-Fraktionsvorfall genannt, war ein innerparteilicher Konflikt in der Partei der Arbeit Koreas im August und September 1956. Auf dem August-Plenum des Zentralkomitees griffen führende Funktionäre aus der sogenannten Yan’an-Gruppe und der prosowjetischen Gruppe die Politik und den Führungsstil Kim Il-sungs an. Der Versuch, Kim politisch zu schwächen oder zu ersetzen, scheiterte. Die anschließenden Säuberungen trugen wesentlich zur Ausschaltung innerparteilicher Gegenkräfte und zur Festigung von Kims Alleinherrschaft bei.[1]

Hintergrund

Abbildung von Kim Il-sung (1950)

Nach dem Koreakrieg bestand die nordkoreanische Führung aus mehreren Gruppen mit unterschiedlichen politischen Herkunfts- und Erfahrungsräumen. Neben Kim Il-sungs Partisanengruppe, die im Befreiungskampf gegen Japan im Untergrund gekämpft hatte, gab es Kader, die aus der Sowjetunion nach Korea gekommen waren, die mit der chinesischen Revolution verbundene Yan’an-Gruppe sowie eine weitere Fraktion, die aus ehemaligen Mitgliedern der südkoreanischen Nam-joseon-rodong-Partei bestand.[2] Diese Gruppen waren keine geschlossenen Parteien, bildeten aber erkennbare Netzwerke innerhalb von Partei, Staat und Militär. Um seine eigene Position gegenüber konkurrierenden Fraktionen aufzubauen, begann Kim Il-sung, der mit der Unterstützung der Sowjets an die Macht gekommen war, einen Personenkult um sich selbst nach dem Vorbild Stalins zu etablieren.

Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 leitete die Entstalinisierung der Sowjetunion ein und wirkte auch auf andere Länder des Ostblocks. Die Kritik Chruschtschows am Stalin-Kult und an der Missachtung innerparteilicher Normen ermutigte auch nordkoreanische Funktionäre, Kim Il-sungs wachsenden Personenkult, die mangelnde innerparteiliche Diskussionskultur und seine wirtschaftspolitische Priorität für Schwerindustrie und Kollektivierung zu kritisieren. Die prochinesischen und prosowjetischen Reformfraktionen forderten ein Ende des Isolationismus und wirtschaftliche Veränderungen.[3][1]

Bereits auf dem III. Parteitag der Partei der Arbeit Koreas im April 1956 gelang es Kritikern kaum, die Frage des Personenkults offen zu behandeln. Für wichtige Positionen wurden hauptsächlich Verbündete Kims nominiert, der keine innerparteiliche Kritik akzeptieren wollte. Während Kim im Sommer 1956 eine Reise in die Sowjetunion, nach Osteuropa und in die Mongolei unternahm, bereiteten Gegner innerhalb der Parteiführung eine offene Kritik auf dem nächsten ZK-Plenum vor.[3]

August-Plenum und Machtkonsolidierung von Kim Il-sung

Das August-Plenum des Zentralkomitees begann am 30. August 1956. Kim Il-sung berichtete zunächst über seine Auslandsreise und versuchte, die Diskussion auf organisatorische Fragen zu lenken. Kritiker wie Yun Kong-hum, Ch'oe Ch'angik und andere warfen der Parteiführung jedoch vor, den Geist des XX. Parteitags der KPdSU nicht aufgenommen zu haben. Sie kritisierten den Personenkult um Kim, die Unterdrückung innerparteilicher Kritik und die wirtschaftspolitische Vernachlässigung von Konsumgütern und Lebensstandard.[1] Die Gruppe der Abweichler hatte sich über Botschafterkontakte davor bei den Sowjets und Chinesen die Erlaubnis eingeholt, gegen Kim vorzugehen, die beide mit seinem Kurs unzufrieden waren.[4] Über seine Spione in der Partei war Kim allerdings rechtzeitig über die Putschpläne gegen ihn informiert worden.[5] Auf dem Plenum waren die Anti-Kim-Kräfte in der Unterzahl und konnten keine Mehrheit innerhalb des Zentralkomitees finden.[3]

Kim Il-sungs Anhänger reagierten rasch und stellten die Kritik als parteifeindliche Fraktionstätigkeit dar. Die Opposition wurde politisch isoliert; mehrere ihrer Vertreter wurden aus Ämtern entfernt oder aus der Partei ausgeschlossen. Einige Funktionäre, darunter Yun Kong-hum, So Hwi und Yi Pil-gyu, flohen nach China oder suchten dort Schutz.[3] Der Versuch, Kims Stellung offen herauszufordern, war damit bereits nach kurzer Zeit gescheitert, da Kim gut vorbereitet war und die Sowjets sich letztlich nicht zu einer entschlossenen Unterstützung der innerparteilichen Opposition durchringen konnten.

Die Ereignisse führten jedoch zu einer vorübergehenden Intervention der beiden wichtigsten Schutzmächte Nordkoreas. Im September 1956 reisten Anastas Iwanowitsch Mikojan für die Sowjetunion und Peng Dehuai für die Volksrepublik China nach Pjöngjang, um Kim Il-sung zur Rücknahme oder Abmilderung der Säuberungen zu bewegen. Auf dem September-Plenum wurden einige Entscheidungen des August-Plenums formal überprüft und einige Mitglieder der sowjetischen und chinesischen Fraktionen rehabilitiert.[3][1] Nach dieser taktischen Zurückhaltung setzte Kim Il-sung seine Machtkonsolidierung fort. In den folgenden Jahren wurden Vertreter der sowjetisch-koreanischen Gruppe und der Yan’an-Gruppe weiter verdrängt, degradiert, ins Exil gedrängt oder verhaftet. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die weitere Säuberung innerparteilicher Gegner Ende der 1950er Jahre, durch die Kim seine Kontrolle über Partei, Staat und Sicherheitsapparat erheblich ausbaute.[6][4]

Auswirkungen

Der August-Vorfall markierte einen Wendepunkt in der politischen Entwicklung Nordkoreas. Die Partei der Arbeit Koreas verlor den Charakter einer Führung mit mehreren konkurrierenden Fraktionen und wurde immer stärker auf Kim Il-sung und seine Partisanen- beziehungsweise Gefolgschaftsgruppe ausgerichtet. Die Krise schwächte jene Kader, die persönlich oder politische Bindungen an die Sowjetunion oder die Volksrepublik China hatten.[3] Außenpolitisch verstärkte der Vorfall Kims Misstrauen gegenüber sowjetischer und chinesischer Einflussnahme. Obwohl Nordkorea weiterhin auf wirtschaftliche und militärische Hilfe beider Staaten angewiesen blieb, nutzte Kim den Konflikt, um die Notwendigkeit einer eigenständigen Linie zu betonen, was das Entstehen eines isolierten nordkoreanischen Kommunismus begünstigte.[1] Kim Il Sung berichtete in seiner Autobiografie, dass der Putschversuch ihm „die Haare ergrauen“ ließ und ihn dazu veranlasste, fraktionelle Aktivitäten streng zu verbieten und „selbst die kleinsten Anzeichen davon resolut zu unterdrücken“.[7]

Darstellung der Ereignisse in Nordkorea

In der nordkoreanischen Geschichtsschreibung wurde der Versuch der Absetzung Kims als „zweiter beschwerlicher Marsch“ bekannt.[8] Im Parteiblatt Rodong Sinmun wurde der Vorfall erst verschwiegen. Ab August 1957 begann die Rodong Sinmun, Ch'oe Ch'angik und andere zu kritisieren und bezeichnete sie als Verräter. In den folgenden Jahren wurden sie zudem beschuldigt, parteifeindlich, konterrevolutionär und Volksfeinde zu sein, doch die Zeitung ging nach wie vor nicht im Detail darauf ein, inwiefern sie das Land verraten hatten.[9] Dennoch gelang es mit diesem Schritt, inszenierte Empörung zu schüren. Im Landkreis Cheonlima erklärte eine Gruppe von Fabrikarbeitern, sie wollten „die Verräter in einen 2.000 Grad heißen Ofen werfen“.[10]

In den offiziellen Veröffentlichungen der Biografie von Kim Jong Il heißt es, dass die von Ch'oe Ch'angik angeführte „parteifeindliche und konterrevolutionäre Fraktion“ eine Gruppe war, die mit dem US-Imperialismus unter einer Decke steckte und darauf abzielte, die Partei und die Regierung zu untergraben. Unter Ausnutzung der komplexen internationalen und innenpolitischen Lage sowie der zahlreichen Schwierigkeiten, mit denen die Arbeiterpartei und das Volk konfrontiert waren, warfen sie während der Sitzung absichtlich „irrelevante und unvernünftige Fragen auf, um die Partei anzugreifen“, was von der überwältigenden Mehrheit der Parteimitglieder abgelehnt worden sei.[11]

Einzelnachweise

  1. a b c d e James F. Person: New Evidence on North Korea in 1956. (PDF) In: Cold War International History Project Bulletin. Woodrow Wilson International Center for Scholars, abgerufen am 15. Juli 2026 (englisch).
  2. Andrei Lankov: Crisis in North Korea: The Failure of De-Stalinization, 1956. University of Hawai'i Press, 2005, ISBN 978-0-8248-2809-7, S. 12, JSTOR:j.ctt6wr4vt (englisch).
  3. a b c d e f James F. Person: “We Need Help from Outside”: The North Korean Opposition Movement of 1956. (PDF) In: Cold War International History Project Working Paper. Woodrow Wilson International Center for Scholars, August 2006, abgerufen am 15. Juli 2026 (englisch).
  4. a b Andrei N. Lankov: Kim Takes Control: The "Great Purge" in North Korea, 1956—1960. In: Korean Studies. Band 26, Nr. 1, 2002, ISSN 0145-840X, S. 87–119, JSTOR:23719326 (englisch).
  5. Tertitskiy, Fyodor: Accidental Tyrant: The Life of Kim Il-sung. In: OUP Academic. 1. April 2025, S. 174, doi:10.1093/o (englisch, Online [abgerufen am 15. Juli 2026]).
  6. Jin Woong Yang: “The August Incident” and the Destiny of the Yanan Faction. (PDF) In: International Journal of Korean History. 2012, abgerufen am 15. Juli 2026 (englisch).
  7. Kim Il Sung: Condensed Biography (2001). Foreign Languages Publishing House. S. 189
  8. Chae-jŏng Sŏ: Origins of North Korea's Juche: Colonialism, War, and Development. Bloomsbury Publishing PLC, 2013, ISBN 978-0-7391-7658-0 (englisch, Google Books [abgerufen am 15. Juli 2026]).
  9. Andrei Lankov: Crisis in North Korea: The Failure of De-Stalinization, 1956. University of Hawai'i Press, 2005, ISBN 978-0-8248-2809-7, S. 152, JSTOR:j.ctt6wr4vt (englisch).
  10. Andrei Lankov: Crisis in North Korea: The Failure of De-Stalinization, 1956. University of Hawai'i Press, 2005, ISBN 978-0-8248-2809-7, S. 163, JSTOR:j.ctt6wr4vt (englisch).
  11. Biography of Kim Il Sung (2001). Foreign Languages Publishing House. S. 69, 188

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