Charles Joseph Chamberlain

Charles Joseph Chamberlain (Porträt aus dem Jahr 1911)

Charles Joseph Chamberlain (* 23. Februar 1863 in Sullivan, Ohio; † 5. Februar 1943 in Chicago, Illinois) war ein US-amerikanischer Botaniker. Er gilt als einer der Pioniere der Palmfarnforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Chamb“.

Leben

Chamberlain wurde am Oberlin College in Ohio sowie an der University of Chicago ausgebildet. Er war der erste Absolvent, dem von dieser Universität ein Doktortitel (Ph.D.) in Botanik verliehen wurde. 1911 wurde er zum außerordentlichen Professor und 1915 zum ordentlichen Professor ernannt. Er war maßgeblich an der Errichtung von Gewächshäusern im Garfield Park in Chicago beteiligt, um die Palmfarne unterzubringen, die er von seinen zahlreichen Forschungsreisen aus aller Welt mitbrachte.

Chamberlain war ein Pionier bei der Anwendung zoologischer Mikroskopietechniken auf die Untersuchung von Pflanzenmaterial, insbesondere bei seinen Arbeiten zur Anatomie und Morphologie der Palmfarne. Neben der Organisation und Leitung der botanischen Laboratorien an der Universität schuf er die weltweit bedeutendste Gewächshaussammlung lebender Palmfarne. Diese enthielt Exemplare aus Kuba, Mexiko, Australien und Südafrika und blieb als Pflanzensammlung bis ein Jahrzehnt nach seinem Tod unübertroffen.

In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unternahm Chamberlain mehrere ausgedehnte Expeditionen zur Untersuchung der Palmfarne in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet. Ermöglicht wurden diese Sammelreisen durch Stipendien der Botanical Society of America sowie der University of Chicago. Seine erste Reise führte ihn nach Florida, anschließend nach Kuba, wo er die Gattungen Zamia und Microcycas in ihrem natürlichen Lebensraum untersuchte. Es folgten zwei Expeditionen in den mexikanischen Bundesstaat Veracruz, auf denen er Vorkommen der Gattungen Dioon und Ceratozamia erforschte.

Für seine erste Expedition in diese Region führte Chamberlain ein Empfehlungsschreiben des Präsidenten der University of Chicago an den Botschafter der Vereinigten Staaten in Mexiko mit sich. Über dessen Vermittlung erhielt er die Unterstützung des Gouverneurs von Veracruz, wodurch Regionalzüge bei Chavarillo außerplanmäßige Halte einlegten, um ihm botanische Sammelarbeiten zu ermöglichen. Die während dieser Reise gewonnenen Beobachtungen und Sammlungen bildeten eine wichtige Grundlage für seine späteren Forschungen zur Biologie der Palmfarne.

An diese Expedition schloss sich eine umfangreiche Weltreise an, die ihn von den Vereinigten Staaten über Hawaii, Fidschi und Neuseeland nach Australien führte. Dort untersuchte er unmittelbar nach seiner Ankunft die heimischen Palmfarne und bereiste anschließend nahezu die gesamte Küste Queenslands von Brisbane bis Cairns. Während dieser Forschungsreise dokumentierte er sämtliche vier in Australien vorkommenden Palmfarngattungen.

Von Australien aus setzte Chamberlain seine Reise über Perth nach Südafrika fort. Dort erforschte er die Palmfarnflora in Natal, der Ostkapregion und den Kapprovinzen und untersuchte insbesondere die Gattungen Encephalartos und Stangeria. Über London kehrte er schließlich nach Chicago zurück. Im Verlauf seiner Expeditionen gelang es ihm, sämtliche damals bekannten Palmfarngattungen sowie etwa 30 verschiedene Arten in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet zu untersuchen. Diese weltweiten Feldstudien bildeten eine wesentliche Grundlage seiner späteren Arbeiten zur Morphologie, Systematik und Fortpflanzungsbiologie der Palmfarne.

Während seiner Expeditionen fertigte Chamberlain ausführliche Feldnotizen an und dokumentierte seine Beobachtungen mit Fotoplatten im Format 8,3 × 10,2 cm, die er später von Hand kolorierte. Darüber hinaus sammelte er umfangreiches Pflanzenmaterial für mikroskopische Untersuchungen und ließ lebende Palmfarne nach Chicago transportieren, um sie in den Gewächshäusern der University of Chicago zu kultivieren. Die lebenden Palmfarne gelangten jedoch später in einen Privatgarten, während die zugehörigen Sammlungsunterlagen verloren gingen.

Zu den bekanntesten Folgen dieser unvollständigen Dokumentation zählt die von Chamberlain beschriebene Art Zamia monticola. Sie war anhand einer Pflanze beschrieben worden, die aus einem Samen gezogen worden war, dessen Herkunft irrtümlich im mexikanischen Bundesstaat Veracruz verzeichnet worden war. Erst im Jahr 2001 konnte der deutsche Botaniker Harald Förther bei erneuten Felduntersuchungen nachweisen, dass die Art tatsächlich in Guatemala endemisch ist. Der Irrtum beruhte darauf, dass Chamberlain neben mexikanischem Material auch Samen und andere Pflanzenproben aus Guatemala erhalten hatte, deren Herkunft nicht ausreichend dokumentiert worden war.

Zusammen mit dem US-amerikanischen Botaniker John Merle Coulter verfasste Chamberlain Lehrbücher über die Morphologie der Spermatophyten (1901), der Angiospermen (1903) und der Gymnospermen (1910).

1919 veröffentlichte Chamberlain sein Werk The Living Cycads, das rasch zu einem Standardwerk über Palmfarne wurde und große Verbreitung fand. Die Einnahmen aus den Buchverkäufen verwendete er zur Finanzierung seiner weiteren wissenschaftlichen Forschungen.

Der erste Teil von The Living Cycads ist als Reisebericht angelegt und schildert Chamberlains Expeditionen zur Erforschung der Palmfarne in Nordamerika, der Karibik, Australien und Afrika. Während dieser Reisen knüpfte er zahlreiche wissenschaftliche und persönliche Kontakte und wurde häufig von Regierungsvertretern und anderen einflussreichen Persönlichkeiten unterstützt. Für entsprechende offizielle Anlässe führte er eigens formelle Kleidung mit sich. Der zweite Teil des Werkes behandelt die Morphologie und Anatomie der Palmfarne, während sich der dritte Teil ihrer Evolution und den stammesgeschichtlichen Beziehungen widmet. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hielt Chamberlain anhand seiner auf Expeditionen angefertigten Fotografien und Laterna-magica-Dias zahlreiche populärwissenschaftliche Vorträge vor Gartenbau- und Gartenvereinen. Die daraus erzielten Honorare dienten der Finanzierung weiterer Feldforschungen und Laboruntersuchungen.

Während seiner zweiten Expedition nach Mexiko beschrieb Chamberlain in The Living Cycads die tropischen Wälder bei Tierra Blanca an der Grenze der Bundesstaaten Veracruz und Oaxaca, wo er nach Dioon spinulosum suchte. Er bemerkte „einen Wald aus Westindischer Zedrele, Mahagoni, Ceiba, verschiedenen Kautschuk liefernden Baumarten und vereinzelt Ebenholzbäume.“[1] Er schrieb weiter „Orchideen, Bromeliengewächse, Farne und andere Pflanzen belasten die Äste der Bäume so stark, dass diese abbrechen, sodass man diese epiphytische Vegetation sammeln kann, ohne mühsam klettern zu müssen“.[1] Diese Beobachtungen zählen zu den frühen detaillierten Beschreibungen der Vegetation tropischer Tieflandwälder im natürlichen Verbreitungsgebiet der Palmfarne.

Während seiner Australienreise untersuchte Chamberlain unter anderem die Vorkommen von Macrozamia moorei im Gebiet von Springsure im westlichen Queensland, unweit des Wendekreises des Steinbocks. Er beschrieb die Art „als großwüchsigen Palmfarn mit kräftigem Stamm, der trotz der trockenen Graslandschaft vitale, dunkelgrüne Blätter sowie zahlreiche Zapfen ausbildete“.[2]

In Südafrika besuchte Chamberlain mehrere bedeutende Palmfarnstandorte. Mit Unterstützung eines Zulu-Führers von James Wylie gelangte er zu dem damals einzigen bekannten Exemplar von Encephalartos woodii in der Nähe von Mtunzini im heutigen KwaZulu-Natal.[3] Zudem dokumentierte er Vorkommen von Stangeria eriopus[4] und Encephalartos ngoyanus (damals als E. brachyphyllus[5] bezeichnet). Weitere Feldstudien führten ihn in das Trapps Valley bei Grahamstown (heute Makhanda), wo ihm der Nachweis von Encephalartos latifrons[6] gelang, einer der seltensten Palmfarnarten Südafrikas.

Der US-amerikanische Botaniker Knut J. Norstog bemerkte in einem unveröffentlichten Manuskript aus dem Jahr 1995, dass Chamberlain in seinen wissenschaftlichen Publikationen männliche Autoren meist nur mit Nachnamen und Initialen zitierte, Wissenschaftlerinnen dagegen häufig mit ihren vollständigen akademischen oder gesellschaftlichen Titeln erwähnte. Norstog vermutete, dass dies Ausdruck von Chamberlains Bestreben gewesen sei, die wissenschaftlichen Leistungen von Frauen stärker hervorzuheben und ihrer damals häufig unzureichenden Anerkennung in der akademischen Welt entgegenzuwirken.

1902 wurde Chamberlain in die American Association for the Advancement of Science gewählt, 1933 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Chamberlain heiratete 1888 Mary E. Life,[7] mit der er eine Tochter hatte. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Jahr 1931 ging er eine zweite Ehe mit Martha Lathrop ein. Er starb am 5. Februar 1943 in Chicago, Illinois, wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag.

Dedikationsnamen

Mehrere Pflanzentaxa wurden zu Chamberlains Ehren benannt. Bereits 1925 wurde Chamberlain im Epitheton der philippinischen Palmfarnart Cycas chamberlainii geehrt; die Art wird heute jedoch als Synonym von Cycas riuminiana angesehen. Sein Name wird zudem in der fossilen Palmfarngattung Neochamberlainia gewürdigt, die 2010 aus Argentinien beschrieben wurde, sowie in der mexikanischen Art Ceratozamia chamberlainii, die 2017 wissenschaftlich beschrieben wurde.

Literatur

Commons: Charles Joseph Chamberlain – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Chamberlain, 1931, S. 16
  2. Chamberlain, 1931, S. 29
  3. Chamberlain, 1931, S. 46
  4. Chamberlain, 1931, S. 42–43
  5. Chamberlain, 1931, 45–46
  6. Chamberlain, 1931, S. 50
  7. Chamberlain, Charles Joseph, in Who’s Who in America (Band 14, 1926), S. 435

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