Constance Tipper
Constance Fligg Tipper (* 16. Februar 1894 in New Barnet, Hertfordshire, England; † 14. Dezember 1995 in Penrith (Cumbria), England) war eine britische Metallurgin, Kristallographin und Hochschullehrerin. Sie gehörte 1912 zu den ersten Frauen, die das Natural Sciences Tripos absolvierten und wurde als erste Frau zum ordentlichen Mitglied der Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der Universität Cambridge ernannt. Sie benutzte als erste Person ein Elektronenmikroskop, um die Bruchflächen von Metallen zu beobachten.[1][2]
Leben und Werk
Tipper war die Tochter des Chirurgen William Henry Elam und seiner Frau Lydia, geb. Coombes. Sie besuchte die St. Felix School in Southwold und anschließend das Newnham College in Cambridge, wo sie 1915 im ersten Teil des naturwissenschaftlichen Tripos einen dritten Abschluss erwarb. Nach einer kurzen Tätigkeit in der metallurgischen Abteilung des National Physical Laboratory in Teddington trat sie 1916 in die Royal School of Mines in South Kensington ein und wurde 1917 Forschungsassistentin von Harold Carpenter. Von 1917 bis 1928 war sie außerdem im Cavendish Laboratory in Cambridge und im Davy Faraday Research Laboratory der Royal Institution tätig.
Sie erhielt von 1921 bis 1923 das Frecheville-Stipendium und von 1924 bis 1929 das Stipendium der Royal Society Armourers and Brasiers. Während dieser Zeit forschte sie zur Festigkeit von Aluminium-Einkristallen. Obwohl sie weiterhin an der Royal School of Mines angestellt war, begann sie in Cambridge zu arbeiten. Ihre dortige Forschung, in Zusammenarbeit mit Geoffrey Taylor, trug maßgeblich zum modernen Verständnis der Kristallplastizität bei. In Anerkennung dieser und früherer Arbeiten verlieh ihr die Universität London 1926 den Doktortitel (DSc).[3]
1928 heiratete sie den Leiter des geologischen Dienstes in Indien, George Howlett Tipper. Sie verließ 1929 offiziell die Royal School of Mines und kehrte an das Newnham College zurück, das ihr von 1930 bis 1931 ein Forschungsstipendium gewährt hatte. Dort blieb sie über dreißig Jahre und hielt in dieser Zeit gelegentlich Vorlesungen am College und am Chelsea Polytechnic. Sie setzte als erste Person ein Rasterelektronenmikroskop (REM) zur Untersuchung von metallischen Bruchflächen ein. Dabei verwendete sie ein von Charles Oatley und seinem Team entwickeltes Rasterelektronenmikroskop. Daraufhin gewährte ihr die Universität Cambridge schließlich Testeinrichtungen in der Ingenieurfakultät, und 1947 wurde sie für drei Jahre zur außerordentlichen Professorin ernannt. 1949 ernannte die Universität Cambridge sie zur Readerin für Maschinenbau und sie war damit die einzige Frau, die Vollzeitmitglied der Fakultät für Ingenieurwissenschaften der Universität Cambridge war. Von da an bis zu ihrer Pensionierung 1960 war sie ordentliches Mitglied der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und war weiterhin die einzige Frau in der Ingenieurfakultät von Cambridge. Nach ihrer Pensionierung arbeitete Tipper weiterhin als Beraterin im Nordwesten Englands und beriet in Fragen der Metallurgie im U-Boot-Bau.[4][5][6]
Forschung
Tippers bedeutendste Beiträge zur Metallurgie ab 1943 betrafen die Verformung und den Bruch von Eisen und Stahl. Als John Fleetwood Baker, Leiter der Ingenieurabteilung, von dem neu gegründeten Schiffsschweißausschuss mit der Untersuchung von Brüchen in allen geschweißten Schiffen beauftragt wurde, übertrug er Tipper die metallurgischen Untersuchungen. Mehrere Liberty-Schiffe, die im Rahmen des beschleunigten Schiffbauprogramms während des Krieges zur Versorgung Großbritanniens mit lebenswichtigen Gütern gebaut worden waren, waren auf See auseinandergebrochen, da sich ein Riss um das gesamte Schiff ausgebreitet hatte. Ein Schiff zerbrach sogar noch im Hafen in zwei Hälften. Die in Großbritannien und Amerika gebauten Schiffe brachten während der Kriegsjahre lebenswichtige Güter über den Atlantik nach Großbritannien. Sie waren die ersten, die vollständig geschweißt und nicht genietet wurden. Tipper fand heraus, dass die Ursache nicht, wie zunächst angenommen, in der Fertigung und dem Schweißen lag, sondern im verwendeten Material selbst, das unter bestimmten Umständen spröde wurde.[7][8]
Sie ermittelte die sogenannte Übergangstemperatur zwischen duktilem und sprödem Verhalten, die erklärt, warum Stahl bei sehr niedrigen Temperaturen bereits unter geringster Belastung brechen kann und dabei Risse entstehen, die sich sehr schnell ausbreiten. Mit dieser Arbeit begründete Tipper das Gebiet der Bruchmechanik. Ihre Arbeit auf diesem Gebiet führte zur Entwicklung des Tipper-Tests zur Bestimmung der Sprödigkeit von Stahl. Dieser Kerbzugversuch kann vorhersagen, ob sich Stahl bei Betriebstemperatur spröde oder duktil verhält. Aufgrund ihrer Forschung begannen die Hersteller, sowohl die Stahlqualität als auch die Qualität der Schweißnähte zu verbessern. Bis 1948 hatte Tipper zwölf wissenschaftliche Artikel verfasst oder mitverfasst, und ihre Kriegsarbeit führte zu ihrem Buch The Brittle Fracture Story.[9]
Tipper veröffentlichte über 80 wissenschaftliche Arbeiten und erhielt im Laufe ihrer Karriere zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1921 das Frecheville Research Fellowship. 1923 lud die Royal Society die zwei Forscher G. I. Taylor und C. F. Elam ein, um ihre Arbeiten im Rahmen der jährlichen Bakerian Lecture zu präsentieren. Im Anschluss fand ein Abendessen im Royal Society Dining Club statt. Allerdings wurde nicht bemerkt, dass das „C“ für Constance stand und der Speiseclub für Frauen nicht zugänglich war. Es ist bekannt, dass Tipper die Einladung höflich ablehnte und als Entschuldigung eine Schachtel Pralinen von der Royal Society erhielt.[10]
Anlässlich ihres 100. Geburtstags im Jahr 1994 pflanzte das Newnham College eine panaschierte Edelkastanie in den Garten, die heute als Tipper-Baum bekannt ist.[11]
Tipper starb 1995 im Alter von 101 Jahren in Penrith.
Ehrungen
- 1923: Bakerian Lecture und Royal Society Bakerian Medal
- 1933: Beilby Medal and Prize
- 1936–1938: Leverhulme Trust Research Fellowship
- Constance-Tipper-Silbermedaille des Internationalen Kongresses für Bruchmechanik (ICF). Die Auszeichnung wird alle vier Jahre zu Ehren von Constance Tipper verliehen[12]
Veröffentlichungen (Auswahl)
- mit H. C. H. Carpenter: The Production of Single Crystals of Aluminium and their Tensile Properties. Proceedings of the Royal Society of London, 1921.
- Deformation of Metal Crystals. 1935.
- The Brittle Fracture Story. Cambridge University Press, 1962.
Literatur
- Brian Cathcart: No dinner, but a nice box of chocs. The New Statesman, 2004.
- Phyllis Hetzel: Obituary. The Independent, 1995.
- Jim Charles, Gerry Smith: Constance Tipper: her life and work. Materials World, 1996.
- Evelyn Hayes: Dr. Constance Tipper: testing her mettle in a materials world. Advanced Materials & Processes, 1998.
- Anne Barrett: Women At Imperial College: Past, Present And Future. WSPC (Europe), 2017, ISBN 978-1786342621.
- Marilyn Bailey Ogilvie, Joy Dorothy Harvey: The Biographical Dictionary of Women in Science: L-Z. Taylor & Francis, 2000, ISBN 978-0415920407.
Weblinks
- Biografie bei Oxford Dictionary of National Biography
- Youtube Video:Who was Constance Tipper and what made her extraordinary?(englisch)
Einzelnachweise
- ↑ Constance Tipper. Abgerufen am 24. Juni 2026.
- ↑ Constance Tipper. Abgerufen am 24. Juni 2026.
- ↑ 127: constance tipper. Abgerufen am 24. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Constance Tipper y la fragilidad de los buques Liberty. In: VA DE BARCOS. 3. April 2021, abgerufen am 24. Juni 2026 (spanisch).
- ↑ Constance_Tipper. Abgerufen am 24. Juni 2026.
- ↑ Beilby Memorial Awards. In: Nature. Band 132, Nr. 3323, 1. Juli 1933, ISSN 1476-4687, S. 56–56, doi:10.1038/132056a0 (nature.com [abgerufen am 24. Juni 2026]).
- ↑ Obituary: Constance Tipper. 20. Dezember 1995, abgerufen am 24. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Constance Tipper and fracture mechanics -- radio commentary (audio). Abgerufen am 24. Juni 2026.
- ↑ Constance Tipper. In: Mujeres Ingeniosas. Abgerufen am 24. Juni 2026 (spanisch).
- ↑ New Statesman - No dinner, but a nice box of chocs. Archiviert vom am 5. Juni 2011; abgerufen am 24. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Obituary: Constance Tipper. 20. Dezember 1995, abgerufen am 24. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Davey Stevenson: Spear Receives Prestigious Tipper Medal for Innovative Research in Simulating 3-D Cracking. In: Mechanical Engineering | University of Utah. 10. Juli 2023, abgerufen am 24. Juni 2026 (amerikanisches Englisch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Tipper, Constance |
| ALTERNATIVNAMEN | Tipper, Constance Fligg (Ehename); Elam, Constance Fligg (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | britische Metallurgin und Kristallographin und Hochschullehrerin |
| GEBURTSDATUM | 16. Februar 1894 |
| GEBURTSORT | New Barnet, Hertfordshire, England |
| STERBEDATUM | 14. Dezember 1995 |
| STERBEORT | Penrith (Cumbria), England |
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