Der Exot
Der Exot war ein frühes telerobotisches Kunstprojekt der österreichischen Kunst- und Theoriegruppe monochrom. Das 1997/1998 entwickelte Projekt bestand aus ei…

Der Exot war ein frühes telerobotisches Kunstprojekt der österreichischen Kunst- und Theoriegruppe monochrom. Das 1997/1998 entwickelte Projekt bestand aus einem kleinen mobilen Roboter mit Webcam, der über ein Webinterface beziehungsweise ein Chatsystem ferngesteuert werden konnte.[1][2] Die Arbeit wurde 1998 in der Wiener Secession präsentiert und 2011 als „Anti-Crowd-Source-Robot“ wiederaufgenommen.[3][4]
Hintergrund
Der Exot entstand in einer Phase, in der Künstler und Forscher mit Ferninteraktion, Webcams und internetgesteuerten Maschinen experimentierten. Zu den früheren und zeitgenössischen Arbeiten der internetbasierten Telerobotik gehörte unter anderem Telegarden von Ken Goldberg und Joseph Santarromana, das erstmals 1995 präsentiert wurde und es Webnutzern ermöglichte, über einen entfernten Roboterarm einen Garten zu bepflanzen, zu bewässern und zu beobachten.[5] In den späten 1990er Jahren wurden Telerobotik und „Telepistemologie“ auch in Kontexten der Medienkunst und Forschung diskutiert, unter anderem bei Konferenzen wie SIGGRAPH und dem International Symposium on Electronic Art.[6]
Das Projekt ging außerdem aus monochroms frühem Interesse an einer spielerischen und kritischen Maschinenkultur hervor. In einem Interview mit The Gap aus dem Jahr 2023 beschrieb Johannes Grenzfurthner die frühen Magazine und Online-Publikationen der Gruppe als Orte, an denen Bauanleitungen und Kritik an einer als „uninspiriert und martialisch“ empfundenen Maschinenkultur verbunden wurden. Statt Maschinen, die für Menschen arbeiten sollten, interessierte sich monochrom für Roboter, die „mit uns feiern“.[7] Dieser Zugang wurde später auch für Roboexotica zentral, ein 1999 in Wien gegründetes Festival für Cocktailrobotik.[8]
Der Titel bezieht sich auf die deutsch synchronisierte Fassung von John Carpenters Film Dark Star, in der das außerirdische Wesen der englischen Originalfassung als „Exot“ bezeichnet wurde.[9]
Konzept und Funktionsweise
Der ursprüngliche Exot war ein kleiner, mit einer Kamera ausgestatteter Roboter, der aus Lego-Bauteilen konstruiert wurde. Nutzer konnten ihn über ein Webinterface steuern und ihre Aktionen über ein Online-Chatsystem koordinieren.[1] Laut der Projektdokumentation von monochrom konnten Benutzer den Roboter in Echtzeit durch die Wohngemeinschaft der Gruppe in Meidling, Wien, bewegen.[10]
Ein 2017 in The Gap erschienenes Porträt von Günther Friesinger beschrieb Der Exot als eine seiner ersten Kollaborationen mit monochrom. Der Artikel hielt fest, dass der Roboter über ein selbst programmiertes Chatsystem gesteuert wurde und Bilder aus einer Wohngemeinschaft übertrug. Aufgrund der technischen Beschränkungen von 56k-Modems sei bewegtes Video damals nicht realisierbar gewesen.[2]
Die Wiederaufnahme von 2011 deutete die Arbeit als „Anti-Crowd-Source-Robot“ neu. Laut Make zielte das System auf das Problem ab, dass ein Roboter bei gleichzeitiger Steuerung durch zu viele entfernte Nutzer keine kohärente Bewegungsrichtung mehr erhält. Die Benutzer mussten daher über den Chat diskutieren und kooperieren, bevor sie sich auf gemeinsame Handlungen des Roboters einigen konnten.[4]
Geschichte
Der Exot wurde 1997/1998 von monochrom entwickelt.[10] In einem Interview mit Futurezone aus dem Jahr 2013 erklärte Johannes Grenzfurthner, dass das Projekt die Aufmerksamkeit des österreichischen Radiosenders FM4 erregte und zu einer Einladung zur Ausstellung Junge Szene Wien ’98 in der Wiener Secession führte. Die Präsentation der netzabhängigen Arbeit in der Secession sei allerdings dadurch erschwert worden, dass es am Ausstellungsort keinen Internetanschluss gab.[1]
Die Kunst- und Forschungsdatenbank Basis Wien führt Der Exot als Veranstaltung des Jahres 1998 in der Vereinigung bildender KünstlerInnen Wiener Secession in Wien, mit monochrom als Teilnehmer.[3] Die Gruppe selbst gibt außerdem an, dass die Arbeit bei Robotronica gezeigt und 1999 aus Kostengründen eingestellt wurde.[10]
2011 nahm monochrom das Projekt wieder auf. Make berichtete, dass der Roboter beim Robotville Festival im Science Museum in London vorgestellt wurde.[4] Im selben Futurezone-Interview von 2013 sagte Günther Friesinger, die Arbeit sei während der European Robot Week ins Science Museum eingeladen worden, habe dort aber aufgrund administrativer Einschränkungen nicht wie geplant mit chatbasierter Steuerung betrieben werden können. Friesinger beschrieb diese gescheiterte Einrichtung als Teil der Aussage der Arbeit über Medienkunst und technologische Fehlfunktion.[1]
Rezeption und Einordnung
Der Exot wurde im Zusammenhang mit früher webbasierter Kunst, Telepräsenz und kollektiver Interaktion in vernetzten Systemen besprochen. Make charakterisierte die wiederaufgenommene Version als Experiment in „Crowd Control“ und betonte, dass die Nutzer kollektive Handlungen aushandeln mussten, anstatt nur individuelle Befehle an eine Maschine zu senden.[4] Futurezone und The Gap verbanden das Projekt mit monochroms früher Sichtbarkeit in der österreichischen Kunstszene und der Einladung zur Wiener Secession.[1][2]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Patrick Dax: monochrom: „Das Hacken treibt uns an“. In: Futurezone. 20. Februar 2013, abgerufen am 11. Mai 2026.
- ↑ a b c Kultur-Aktivist Günther Friesinger hat Freude an Struktur und Zahlen. In: The Gap. 12. Juni 2017, abgerufen am 11. Mai 2026.
- ↑ a b Der Exot. In: Basis Wien. Abgerufen am 11. Mai 2026.
- ↑ a b c d John Baichtal: Monochrom's Der Exot Is an Experiment in Crowd Control. In: Make. 12. Dezember 2011, abgerufen am 11. Mai 2026 (englisch).
- ↑ The Telegarden. In: goldberg.berkeley.edu. University of California, Berkeley, abgerufen am 11. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Telerobotics and Telepistemology Bibliography. In: Leonardo/ISAST. Abgerufen am 11. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Bernhard Frena: „Wenn unsere Apparate Menschen ersetzen, haben wir grob was falsch gemacht“ – Johannes Grenzfurthner im Interview zur Roboexotica. In: The Gap. 13. Dezember 2023, abgerufen am 11. Mai 2026.
- ↑ Christian Fischer: Roboexotica: Das Festival für Cocktailrobotik. In: Der Standard. Abgerufen am 11. Mai 2026.
- ↑ Christoph Hartung: Dark Star – Finsterer Stern. In: christophhartung.de. Abgerufen am 11. Mai 2026.
- ↑ a b c der exot. In: monochrom. Abgerufen am 11. Mai 2026.
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