Effigies
Die Effigies ist das Abbild eines fürstlichen Toten für die öffentliche Schaustellung, wo sie die Stelle des Toten einnimmt.[1] Sie ist kein Grabmal …

Die Effigies ist das Abbild eines fürstlichen Toten für die öffentliche Schaustellung, wo sie die Stelle des Toten einnimmt.[1] Sie ist kein Grabmal oder sonstiges Mal, sondern eine Puppe oder ein Requisit aus Holz oder Wachs, auch aus Weidengeflecht und Werg, manchmal nur ein Gerüst oder nur ein Kopf oder lediglich eine Maske.[1] Effigies wurden mit Haaren und den Kleidern des Toten ausstaffiert.[1][2] Nach der einmaligen Schaustellung bei der Totenfeier oder dem Umzug werden Kleider und Effigies weggeräumt, um nie wieder gebraucht zu werden.[1]
Das lateinische feminine Nomen effigies steht für Abbild, Bildnis,[3] daher auch die Redensart: einen in effigie (d. h. im Bildnis) aufhängen.[4]
Wortgeschichte
Der Begriff Effigies ist aus der Zeit der römischen Ahnenbilder bekannt,[5] doch hatte sich die Wortbedeutung noch erweitert und wurde neben imago auch für Brustbilder verwendet,[5] etwa auf Münzen.[6] Effigies unterscheidet sich vom Simulacrum dadurch, dass simulacrum (genau wie statua) die ganze Statur bezeichnet.[5]
Beschreibung

Effigies bezeichnet meistens die im Rahmen des Totenkults hergestellten Funeral-Effigies. Dabei handelt es sich um Puppen aus Holz, Wachs oder Weidengeflecht – also aus vergänglichem Material – die bei den Bestattungsfeierlichkeiten auf dem geschlossenen Sarg lagen oder stellvertretend für den Leichnam in einem Castrum doloris aufgebahrt wurden.[7]

Die alten Römer bedienten sich erst formbarer Totenmasken aus Wachs (imagines maiorum genannt)[8] Vermutlich stand am Anfang der Wunsch, die beginnende Verwesung mit der Maske zu verdecken, da die Aufbahrung in Rom bis zu sieben Tage dauern konnte.[8] Tacitus berichtet, dass gelegentlich statt des Verstorbenen eine Puppe mit der Maske bedeckt wurde.[8] Plinius zufolge („hominis autem imaginem gypso e facie ipsa primus omnium expressit ceraque in earn formam gypsi infusa emendare instituit LysistratusSicyonius, frater Lysippi . . . similitudines reddere instituit; ante eum quam pulcherrimas facere studebant") erklärte sich die neue „Ähnlichkeit" mit der Erfindung des Naturabgusses, da vorher möglichst „schöne" Bilder angestrebt wurden.[1]
Es steht nicht fest, was mit der Maske nach der Aufbahrung geschah, aber vervielfältigt wurde sie auf jeden Fall, denn die Repräsentationsfreude der Römer zeigte sich darin, dass auch Frauen imagines maiorum mit in die Ehe brachten.[8] Die Ahnen in Marmor nachzubilden wurde erst im frühen ersten Jahrhundert v. Chr. in Italien verwirklicht, wie die Statue des Aristokraten Brutus Barberini zeigt, der sich mit den Büsten seiner Ahnen in den Händen darstellen ließ.[8]
Die lebensnahen Gesichtszüge, denen häufig die Totenmasken zugrunde lagen, zeugen vom Bestreben der Römer, das individuelle Gesicht der Verstorbenen zu überliefern. Den imagines maiorum kam auch eine Art von politisch-juristischer Funktion zu: Von Männern ohne bürgerliche Rechte, wie z . B. den Mördern Caesars, durfte keine Totenmaske angefertigt werden.[8]
Der römische Adel pflegte die Sitte, Wachsbildnisse verdienter Vorfahren aufzubewahren, wie bei den späteren Ahnengalerien dienten die Sammlungen dem Ansehen der Nachfahren und demonstrierten das Vorrecht des Adels (=ius imaginum[9]), Ahnenbilder öffentlich bei Leichenzügen zu zeigen.[8] Die Ahnenbilder der reichen Römer waren bemalte Wachsbüsten mit Glasaugen und natürlichem Haar und wurden im Haus in Schränken aufgestellt.[1] Naturabgüsse und Totenmasken, wie sie in allen Häusern in Florenz an Kaminen, Türen und Fenstern aufgehängt waren, hatten Bedeutung und Wirkung für die Bildhauer des Quattrocento gehabt.[1]

Effigies kamen in England und Frankreich um und nach 1300 im Bestattungszeremoniell auf,[10] Porträts und Totenmasken wurden zunehmend „überindividuell“ gestaltet.[8] Die Franzosen hatten den Brauch von den Engländern übernommen, wo um 1327 der Brauch mit Effigies aus Holz und Gips seinen Anfang genommen hatte.[11] Wie eine Totenmaske abgenommen wurde, „damit die Effigies auch ähnlich werde", berichtet eine englische Quelle des Jahres 1422: Der Abdruck des Gesichtes von König Heinrich V. wurde mit gekochtem (dadurch erweichtem) Leder abgenommen und dann bemalt.[1] Der Büste und später dem Effigies des Königs Heinrich VII. verlieh der Italiener Pietro Torrigiano Lebendigkeit, indem er die Gesichtszüge des Königs glättete und die Wangen auffüllte, ohne eine solche Anpassung der Totenmaske hätten sie eingefallen gewirkt. Die gesamte Büste wurde höchstwahrscheinlich mithilfe von Formen hergestellt, wobei nur minimale manuelle Modellierung erforderlich war.[12]
Als 1515 Ludwig XII. starb, wurde seine Effigies mit den königlichen Insignien ausgestattet und im Leichenzug getragen;[11] ab dann hatte ein Scheinleib höheren Repräsentationswert als der tatsächliche Leichnam. So wurden der Effigies des toten Franz I. die Lieblingsspeisen und -weine des Verstorbenen aufgetischt.[11] Sämtliche Effigies Frankreichs wurden beim Bildersturm 1789 vernichtet.[11] Englische Effigies sind hingegen noch viele erhalten, die meisten im Museum der Westminster Abbey ausgestellt.
Siehe auch
Literatur
- Kurt Bauch: Effigies und Totenmaske, in Das mittelalterliche Grabbild. Figürliche Grabbilder des 11. bis 15. Jahrhunderts in Europa. Seite 249–251; De Gruyter, 1976, ISBN 3-11-004482-X.
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h Kurt Bauch: Effigies und Totenmaske. In: Das mittelalterliche Grabbild - Figürliche Grabmäler des 11. bis 15. Jahrhunderts in Europa. Walter de Gruyter, Berlin - New York 1976, ISBN 3-11-004482-X, S. 249–251.
- ↑ Effigie ▶ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft | Duden. Abgerufen am 1. August 2026.
- ↑ Oscar Mothes, Hermann Alexander Müller: Illustrirtes archäologisches Wörterbuch der Kunst des germanischen Alterthums, des Mittelalters und der Renaissance, sowie der mit bildenden Künsten in Verbindung stehenden Ikonographie ... und der Geschichte. Spamer, 1877, S. 351 (google.de [abgerufen am 2. August 2026]).
- ↑ Wörterbuchnetz. Abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ a b c Hugo Blümner: Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern. Teubner, 1879, S. 185 (google.de [abgerufen am 2. August 2026]).
- ↑ Oscar Mothes, Hermann Alexander Müller: Illustrirtes archäologisches Wörterbuch der Kunst des germanischen Alterthums, des Mittelalters und der Renaissance, sowie der mit bildenden Künsten in Verbindung stehenden Ikonographie und der Geschichte. Spamer, 1877, S. 351.
- ↑ Effigie – RDK Labor. Abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ a b c d e f g h Hans-Peter Schwarz, Annette Hünnekens: Mienenspiele: das ZKM Medienmuseum vom 18. Mai bis 03. Juli 1994 zu Gast im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Museum beim Markt. ZKM, 1994, ISBN 978-3-928201-09-4, S. 47.
- ↑ Adolf Berger, David R. Clark: Encyclopedic Dictionary of Roman Law: Transactions, American Philosophical Society (vol. 43, Part 2). American Philosophical Society, 1953, ISBN 978-0-87169-432-4 (google.de [abgerufen am 3. August 2026]).
- ↑ Wolfgang Brückner: Bildnis und Brauch. E. Schmidt, 1966, S. 24.
- ↑ a b c d Julian Blunk: Die Verkörperung des Königtums. In: Das Taktieren mit den Toten: die französischen Königsgrabmäler in der Frühen Neuzeit. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2011, ISBN 978-3-412-20626-0, S. 52–55.
- ↑ King Henry VII, Bust 1509-1511 (made) / Pietro Torrigiano. Abgerufen am 2. August 2026.
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