Hamza Howidy

Hamza Abu Howidy (geboren 1997 in Gaza) ist ein palästinensischer Aktivist gegen Islamismus und Antisemitismus sowie Autor. Seine Kritik an der Terrororganisat…

Hamza Abu Howidy (geboren 1997 in Gaza) ist ein palästinensischer Aktivist gegen Islamismus und Antisemitismus sowie Autor. Seine Kritik an der Terrororganisation Hamas fand in Deutschland, wo er seit seiner Flucht lebt, und international mediale Beachtung. Seine 2026 erschienene Autobiografie trägt den Titel Muscheln am Strand von Gaza. Erinnerungen an ein zerstörtes Land und wurde in mehreren deutschen Medien positiv rezensiert.

Leben

Hamza Abu Howidy ist das dritte von sechs Kindern.[1] Er wuchs in Gazastadt im wohlhabenden Viertel Al Rimal auf. Seine Eltern waren belesen und weit gereist; sein Vater hatte in England studiert und gearbeitet und erzog seine Kinder zum kritischen Denken.[2] Als Kind erlebte Howidy die gewaltsame Machtübernahme durch die Hamas. „Die Hamas verwandelte Gaza in einen Ort der Angst und benutzte die Religion, um die Taten zu rechtfertigen“, schrieb er in seiner 2026 veröffentlichten Autobiografie.[3]

Howidy besuchte zunächst die der Hamas nahestehende religiöse Schule Dar Al Arqam; als er sie im Alter von zwölf Jahren wegen eines erneuten Krieges und ihrer Nähe zur israelischen Grenze verließ, kannte er bereits etwa ein Drittel des Korans auswendig.[2] Später besuchte er eine Schule des UNRWA, an der nach seiner Darstellung der bewaffnete Kampf und das Märtyrertum in säkular-nationalistischer Form verherrlicht wurden.[2] Als Jugendlicher begann er die islamistische Ideologie und den in der Schule vermittelten Hass auf Israel zu hinterfragen. Ein heimlicher Online-Austausch mit einem linken Israeli trug dazu bei, dass er Israelis zunehmend als Individuen wahrnahm und sich mit Vorstellungen einer friedlichen Koexistenz auseinandersetzte.[2] In seiner Autobiografie beschreibt Howidy zudem einen längeren Prozess der Auseinandersetzung mit seinem Glauben, in dessen Verlauf er sich von der Religion löste.[2]

Seine politische Entwicklung wurde auch durch seinen Vater geprägt, der islamistische Herrschaft ablehnte und ein palästinensisches Gemeinwesen neben dem Staat Israel befürwortete.[2] Das Leben unter der Hamas sei „ein permanenter Alptraum“ gewesen, sagte Howidy in einem ZDF-Interview. „Die Hamas schuf zwei Gesellschaftsschichten: eine wohlhabende Elite, die zur Bewegung gehörte, und den Rest der Bevölkerung, die täglich ums Überleben kämpfte. Wer nicht in die Strukturen der Hamas eingebunden war, hatte es schwer, eine Arbeit zu finden oder Bildungschancen zu erhalten.“[4]

Howidy studierte Wirtschaft und Verwaltung an der Islamischen Universität Gaza. Er engagierte sich gegen die Hamas-Herrschaft und beteiligte sich 2019 und 2023 an der Protestbewegung Wir wollen leben. Bei beiden Protestwellen wurde er verhaftet und nach eigener Darstellung gefoltert. Seinen Angaben zufolge zahlten seine Angehörigen nach der ersten Verhaftung 3.000 Dollar Schmiergeld für seine Freilassung. Aus Rücksicht auf seine Familie habe er sich danach zunächst von weiteren Protesten zurückgehalten.

2023 floh er über Ägypten und die Türkei nach Griechenland. Die Überfahrt von Izmir nach Griechenland erfolgte auf einem überfüllten Schlauchboot.[2] Am 7. Oktober 2023 hielt er sich in einem griechischen Flüchtlingslager auf.[2] Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 veröffentlichte Howidy auf Facebook ein Video, das große Verbreitung fand und in dem er die Hamas und deren Sprecher Abu Obaida kritisierte.[5]

Seit Februar 2024 lebt Howidy in Deutschland. Als freier Autor und Redner setzt er sich in deutschsprachigen und internationalen Medien für gewaltfreie Ansätze im Nahostkonflikt ein. Er kritisiert dabei sowohl die Hamas als auch die israelische Regierung: „Unsere Regierungen müssen beide zu Fall gebracht werden“, sagte er in einem Gespräch mit der Zeit.[6] Als der Krieg im Gazastreifen immer größere Ausmaße annahm und Menschen aus seinem persönlichen Umfeld getötet wurden, löschte Howidy frühere Beiträge in den sozialen Medien und verschärfte auch seine Kritik an der israelischen Regierung.[2]

Howidy kritisierte westliche Solidaritätsbekundungen mit der Hamas: „Ich war auch schockiert, als ich sah, dass viele Demonstranten in Europa und in den USA die Hamas offen unterstützen. Ich hatte erwartet, dass der Westen gegen diese Ideologie steht. Ich dachte, dass wir hier Unterstützung finden würden, um uns der Hamas entgegenzustellen.“[4] Propalästinensische Demonstrationen seien „in eine Glorifizierung der Hamas“ übergegangen; zudem sei es zu antisemitischen Äußerungen gekommen. Verbrechen der Hamas gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung würden dabei nicht wahrgenommen. Nach der Wahl im Gazastreifen 2006 und der gewaltsamen Machtübernahme durch die Hamas seien im Konflikt mit der zuvor regierenden Fatah mehr als 600 Zivilisten getötet worden; beide Seiten hätten Kriegsverbrechen begangen. Einige Demonstrierende versteckten ihren Hass auf Israel hinter der palästinensischen Sache.

Howidy berichtete, wegen seiner Haltung täglich Todesdrohungen zu erhalten.[7] 2025 wehrte er sich gegen seine gemäß dem Dublin-Verfahren drohende Überstellung nach Griechenland. Dort sei er von Anhängern der Hamas massiv bedroht worden und müsse um sein Leben fürchten, sagte Howidy gegenüber der taz. Nach wie vor lebten in Griechenland viele Geflüchtete aus Gaza, die Mitglieder der Hamas seien oder mit der Organisation sympathisierten. „Die deutsche Polizei kann mich beschützen, die griechische wird es nicht tun.“[8]

Howidy kommentierte auf CNN[9] und wurde unter anderem von den Sendern ZDF, 3sat und WDR interviewt.[1] Er schrieb Artikel für Newsweek, L’Express, die National Post, ABC News und Today sowie weitere Medien. Sowohl Bündnis 90/Die Grünen als auch die CDU luden Howidy zu Gesprächen ein; zudem nahm er an der Holocaust-Gedenkstunde im Deutschen Bundestag teil. Im Dokumentarfilm Unraveling UNRWA, der sich kritisch mit der Rolle des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge beschäftigt, wurde er interviewt.[10]

Rezeption

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte über Howidy: „Sein Mut ist beispielhaft, seine Äußerungen haben Gewicht und sind eine Inspiration für viele.“[5]

In den Blättern für deutsche und internationale Politik schrieb Christoph Ohrem, es sei „erstaunlich, wie sich die Stimme Hamza Abu Howidys gegen alle Widerstände zu einer Stimme des Friedens entwickelt hat“. Das Buch liefere „einen seltenen Blick in das Innere des Gazastreifens“ und sei „ein Bericht über politische Gewalt, eine traumatische Kindheit und die mühsame Entwicklung eines unabhängigen Urteilsvermögens“. Howidy stelle die Palästinenser weder als „abstrakte Opfergruppe“ noch als „Täterkollektiv“ dar.[11]

Ulrich Gutmair bezeichnete Howidy in der taz als „eine der wichtigsten politischen Stimmen aus der palästinensischen Exilgemeinde“. Howidy repräsentiere, was man sich unter einem Intellektuellen vorgestellt habe, bevor die Algorithmen der sozialen Medien den politischen Diskurs durch Dämonisierung, polemische Angriffe und maximale Zuspitzung verändert hätten.[12] In einer weiteren Rezension bezeichnete Gutmair die Autobiografie als „beeindruckendes, schonungsloses und radikal aufrichtiges Buch“.[2] Er hob hervor, dass das Werk vereinfachende Bilder von den Menschen in Gaza zurückweise und Einblicke in die dortige Gesellschaft sowie das Leben unter der Herrschaft der Hamas ermögliche.[2]

In der Jüdischen Allgemeinen schrieb Sabine Brandes, Muscheln am Strand von Gaza sei mehr als ein persönlicher Lebensbericht. Das Buch sei ein „Pageturner“, der „ein schweres Thema zur leichten Lektüre“ mache: „Denn das Werk schafft etwas Seltenes: Es erschüttert und richtet dennoch auf, schockiert und macht gleichzeitig Hoffnung, dass Frieden in Nahost immer noch möglich ist. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre sein – in Gaza, in Israel und am besten überall auf der Welt. Nicht, weil es einfache Antworten liefert. Sondern, weil man nach der letzten Seite anders weiterdenken kann als zuvor.“[13]

Auch das Onlinemagazin haGalil lobte Howidys Autobiografie. Besonders beklemmend sei die „Darstellung der Indoktrination von Kindern, die von der Hamas systematisch von ihren Familien gelöst und an die islamistische Gemeinschaft gebunden werden“. Die Rezension bezeichnete Muscheln am Strand von Gaza als „Hoffnungsschimmer“ und als Plädoyer für eine demokratische und friedliche Lösung des Nahostkonflikts.[3]

Werke

  • Muscheln am Strand von Gaza. Erinnerungen an ein zerstörtes Land. Mit Judith Poppe. S. Fischer, Frankfurt am Main 2026, ISBN 978-3-10-397768-4.

Audio

Einzelnachweise

  1. a b Kulturzeit: Ein Palästinenser über den Hamas-Terror. In: 3sat.de. 20. Mai 2026, abgerufen am 4. Juni 2026.
  2. a b c d e f g h i j k Ulrich Gutmair: Was es heißt, in Gaza aufzuwachsen: Mit väterlicher Skepsis und mütterlicher Rebellion. In: Die Tageszeitung: taz. 4. August 2026, abgerufen am 5. August 2026.
  3. a b Muscheln am Strand von Gaza. In: haGalil. 10. Mai 2026, abgerufen am 4. Juni 2026.
  4. a b Aktivist: "Leben unter der Hamas war ein Alptraum". In: ZDF heute. 9. Februar 2025, abgerufen am 4. Juni 2026.
  5. a b Frederik Schindler: Hamas-Gegner aus Gaza: „Während Deutschland zum sicheren Hafen für Islamisten wird, soll ich abgeschoben werden“. In: Die Welt. Abgerufen am 4. Juni 2026.
  6. Anna-Theresa Bachmann, Quynh Trần: Aktivist aus Gaza: "Wir wollten das Regime ändern, aber wir waren nicht mutig genug". In: Die Zeit. 18. August 2024, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 4. Juni 2026]).
  7. Friedensaktivist aus Gaza im Gespräch: „Die Palästinenser werden einen Weg finden, das Hamas-Regime zu stürzen“. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 4. Juni 2026]).
  8. Frederik Eikmanns: Abschiebung nach Griechenland: Anti-Hamas Aktivist Hamza Howidy droht die Abschiebung. In: Die Tageszeitung: taz. 18. Juni 2025, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 4. Juni 2026]).
  9. CNN.com – Transcripts. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 29. September 2024; abgerufen am 4. Juni 2026 (englisch).
  10. Liste der Interviewpartner im Film „Unraveling UNRWA“. In: IMDb.com. Abgerufen am 4. Juni 2026.
  11. Christoph Ohrem: Eine Stimme zwischen den Fronten. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Abgerufen am 4. Juni 2026.
  12. Ulrich Gutmair: Aktivist aus Gaza zwischen den Fronten: Hamza Howidy zeigt, dass es auch anders geht. In: Die Tageszeitung: taz. 22. Juni 2025, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 4. Juni 2026]).
  13. Sabine Brandes: Hamza Abu Howidys Buch »Muscheln am Strand von Gaza«. In: Jüdische Allgemeine. 17. Mai 2026, abgerufen am 4. Juni 2026.

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