Hildina
Hildina ist eine traditionelle Ballade, die vermutlich im 17. Jahrhundert auf Orkney,[1][2] aber 1774 auf der Shetlandinsel Foula aufgezeichnet …
Hildina ist eine traditionelle Ballade, die vermutlich im 17. Jahrhundert auf Orkney,[1][2] aber 1774 auf der Shetlandinsel Foula aufgezeichnet und 1805 erstmals veröffentlicht wurde. Sie erzählt eine Geschichte von Liebe, Blutvergießen und Rache zwischen Figuren aus den Herrscherfamilien von Orkney und Norwegen. Die Ballade ist in Norn verfasst, der ausgestorbenen nordgermanischen Sprache, die einst auf Orkney und Shetland gesprochen wurde, und ist das einzige erhaltene längere Werk in dieser Sprache.[3][2.1] Sie ist eine von zwei Norn-Balladen, die in „The Types of the Scandinavian Medieval Ballad“ aufgeführt sind, wo sie als Typ E 97 klassifiziert wird, neben der Scherz-Ballade „Den huslige bondemand“ (TSB F 33, Dänischer Titel, kein Titel in Norn angegeben).[4][5][6]
Inhalt
Zu Beginn der Ballade entführt der Earl of Orkney (Graf) Hildina, die Tochter des norwegischen Königs – eine Tat, die der König rächen will. Die Königstochter beteuert ihre Liebe zum Grafen und bittet ihn eindringlich, Frieden mit ihrem Vater zu schließen. Er versucht dies und bietet dem König eine Mitgift an, doch sein Rivale Hiluge bietet eine höhere. Hildina prophezeit, dass jemand sterben wird, sollte keine Einigung erzielt werden, und so geschieht es tatsächlich, als Hiluge und der Graf von Orkney ein Duell austragen. Der Graf wird getötet, und Hiluge wirft Hildina dessen Kopf in den Schoß. Der König willigt nun ein, dass Hiluge seine Tochter heiraten darf, warnt ihn jedoch vor dem Unglück. Beim Hochzeitsfest mischt Hildina Drogen in den Wein, und als alle außer ihr bewusstlos sind, zerrt sie ihren Vater und die Hochzeitsgäste aus dem Saal. Schließlich entzündet sie die Halle und sagt Hiluge, während er verbrennt, dass er nie wieder einem der Kinder des Königs etwas antun wird.[7]
Entdeckung
1774 besuchte der junge schottische Geistliche George Low die kleine und abgelegene Shetlandinsel Foula in der Hoffnung, Überreste mündlicher Überlieferungen in Norn zu finden.[1] Er fand dort Fragmente von Liedern, Balladen und Romanzen, und bei seiner besten Quelle, einem alten Bauern namens William Henry, die Ballade, die heute als „Hildina“ bekannt ist. Low selbst beherrschte die Sprache nicht, und auch Henry kannte sie nur unzureichend. Obwohl er als Kind alle 35 Strophen der Ballade im Original-Norn auswendig gelernt hatte, konnte er Low nur eine Zusammenfassung ihres Inhalts geben, keine Übersetzung.[8][9][10] 1893, als der färöische Philologe Jakob Jakobsen Shetland besuchte, stellte er fest, dass zwar noch weitere Fragmente von Volksdichtung gesammelt werden konnten, die Erinnerung an die Ballade jedoch vollständig verloren gegangen war.[5]
Veröffentlichung
Lows handschriftlicher Bericht über seine Expedition, „A Tour Through the Islands of Orkney and Schetland [sic]“ („Eine Reise durch die Inseln von Orkney und Schetland“), enthielt nicht nur „Hildina“, das er „The Earl of Orkney and the King of Norway’s Daughter: a Ballad“ („Der Graf von Orkney und die Königstochter von Norwegen“) nannte, sondern auch eine Übersetzung des Vaterunsers ins Nornische sowie eine Liste von 34 gebräuchlichen Wörtern.[11] Die Ballade wurde erstmals nach Lows Abschrift von Reverend George Barry in seiner „History of the Orkney Islands“ (Edinburgh 1805) und anschließend von Peter Andreas Munch in „Samlinger til det Norske Folks Sprog og Historie“ („Sammlungen der norwegischen Volkssprache und -geschichte“, Christiania 1838) veröffentlicht.[12] Lows Buch wurde schließlich 1879 in Kirkwall veröffentlicht.[13][1] Schließlich erschien 1900 eine wissenschaftliche Edition von „Hildina“ des norwegischen Linguisten Marius Hægstad unter dem Titel „Hildinakvadet med utgreiding um det norske maal paa Shetland i eldre tid“ („Hildinas Gedicht mit einer Erklärung der norwegischen Sprache auf Shetland in alter Zeit“).[14] Hægstad rekonstruierte anhand von Lows zwangsläufig fehlerhaftem Transkript eine Version dessen, was Henry möglicherweise tatsächlich rezitiert hatte. Eine englische Übersetzung dieser Studie existiert bisher nicht.[15]
Sprache
Die Literaturhistorikerin Nora Kershaw Chadwick bezeichnete die Sprache von „Hildina“ als „so obskur, dass sie beinahe unübersetzbar ist“ („so obscure… as to be almost untranslatable“), teils aufgrund der wenigen anderen Beispiele des Nornischen, teils aufgrund der Schwierigkeiten, die sich aus George Lows völliger und William Henrys teilweiser Unkenntnis der Bedeutung des Gedichts ergaben.[16] Die Sprache ist mit Sicherheit ein Zweig des Altnordischen und am engsten mit dessen südwestnorwegischen und färöischen Varietäten verwandt.[17] Sie weist einige Lehnwörter aus dem Dänischen, Färöischen, Friesischen und Scots auf, jedoch keine aus dem Gälischen.[18] Die Grammatik von „Hildinas“ Norn entspricht grundsätzlich der des Altnordischen, allerdings mit reduzierter Morphologie.[1][19] Stanza 22 verdeutlicht Ähnlichkeiten und Unterschiede:
| George Lows Text | Marius Hægstads Verbesserte Version | Old Norse | Englisch |
|---|---|---|---|
| Nu fac an Jarlin dahuge Dar min de an engine gro An east ans huge ei Fong ednar u vaxhedne more neo. |
Nu fac an Iarlin dahuge – dar minde an engin gro –. An cast ans huge ei fong ednar, u vaks hedne mere meo. |
Nú fekk hann jarlinn dauðahøggit þar myndi hann engan grœða. Hann kastaði hans hǫfði í fang hennar, ok óx henni meiri móðr. |
Now the Earl received a deadly cut, no one there could heal him Hiluge threw his head into Hildina’s lap; thus added to her grief.[14] |
Quellen und Analogien
Die erste Hälfte der Hildina-Sage, bis zum Auftreten von Hiluge, soll auf der isländischen Legende von Hjaðningavíg beruhen. Diese erzählt unter anderem von der Entführung der Walküre „Hildr“ durch einen Prinzen namens „Heðinn“ und der anschließenden Verfolgung durch Hildrs Vater Hǫgni. Die Legende ist in Quellen aus der gesamten germanischen Welt belegt, insbesondere in Snorri Sturlusons „Skáldskaparmál“, der isländischen „Sörla þáttr“, der Gesta Danorum von Saxo Grammaticus und dem mittelhochdeutschen Gedicht Kudrun. Sie muss auch auf Orkney bekannt gewesen sein, da sie in einem Gedicht namens „Háttalykill inn forni“ erwähnt wird, welches die Orkneyinga saga Jarl Rögnvald von Orkney und dem Isländer Hallr Þórarinsson zuschreibt.[20]
Die zweite Hälfte der Ballade weist keinerlei Bezug zur Hjaðningavíg-Erzählung auf, außer möglicherweise zu den späteren Kapiteln von Kudrun.[21] Parallelen zur Hochzeit von Hildina und Hiluge finden sich im isländischen Gedicht „Guðrúnarkviða II“, in dem die Heldin Gudrun gedrängt wird, König Atli, den Mörder ihres Geliebten Sigurd, zu heiraten.[1] Weitere Anklänge an Hiluges Tod durch Feuer finden sich in Atlis Traum von seinem eigenen Tod durch Gudruns Hand, einem Traum, den Gudrun neu deutet und dessen Erfüllung sie vorschlägt.
„Er bat mich, eine unheilvolle Prophezeiung zu deuten:
‚Sogleich weckten mich die Nornen;
ich stellte mir vor, Gudrun, Gjukis Tochter,
dass du mein Herz mit einem vergifteten Schwert durchbohrt hast.‘
‚Ein Traum von Metall, das bedeutet Feuer,
vom Zorn eines Mädchens, das bedeutet Stolz:
Um das Böse zu bannen, werde ich dich mit Feuer verbrennen,
zu deinem Trost und deiner Gesundheit, so verhasst sie mir auch sein mögen.‘“[22]
In „Hildina“ finden sich immer wieder Handlungselemente, die als keltisch identifiziert wurden. Dazu gehören das Motiv des „Kopfschleuderns“ („hurling the head“), das auch in den irischen Erzählungen „Bricrius Festmahl“ (Fled Bricrenn) und „Mac Da Thós Schwein“ (Scéla mucce Meic Dathó) vorkommt, sowie das Thema „König und Göttin“ („king and goddess“), das auch in der galatischen Geschichte von Camma, Sinatus und Sinorix (überliefert von Plutarch) und in der irischen Saga „Baile in Scáil“ zu finden ist. Es wurden auch entfernte Parallelen zum Mabinogion von Branwen festgestellt.[23]
Englische Übersetzungen
- W. G. Collingwood: The Ballad of Hildina. In: Orkney and Shetland Miscellany of the Viking Club. vol. 1. 1908: S. 211–216.
- Nora Kershaw Chadwick: Stories and Ballads of the Far Past. Cambridge University Press, Cambridge 1921: S. 217–219. google books Nur die ersten zwölf Strophen.
- W. B. Lockwood: Languages of the British Isles Past and Present. Andre Deutsch, London 1975. S. 216. ISBN 0-233-96666-8 Archivlink Nur die ersten vier Stanzas.
- Michael Barnes: Kap. Orkney and Shetland Norn. In: Peter Trudgill: Language in the British Isles. Cambridge University Press, Cambridge 1984: S. 356. ISBN 0-521-28409-0 Stanzas 22 und 23.
- Michael P. Barnes: The Norn Language of Orkney and Shetland. Shetland Times Lerwick 1998: S. 46. google books ISBN 1-898852-29-4 Stanzas 1–4, 20–23.
- John J. Graham, Laurence I. Graham (Lollie Graham): A Shetland Anthology: Poetry from Earliest Times to the Present Day. Shetland Publishing, Lerwick 1998: S. 1–11. ISBN 0-906736-19-6
- The Ballad of Hildina (Foula). In: Norn. Hnolt 2006–2014, 2014, abgerufen am 28. Mai 2015 (englisch).
- Frances J. Fischer: ’'Hildina’—A Norn Ballad in Shetland. In: Scottish Studies. vol. 35. University of Edinburgh 2007: S. 211–216. google books
Literatur
- Michael Barnes: Kap. Orkney and Shetland Norn. In: Peter Trudgill: Language in the British Isles. Cambridge University Press, Cambridge 1984. ISBN 0-521-28409-0
- Nora Kershaw Chadwick: Stories and Ballads of the Far Past. Cambridge University Press, Cambridge 1921. google books
- Robert McColl Millar: Northern and Insular Scots. Edinburgh University Press, Edinburgh 2007. google books ISBN 978-0-7486-2317-4
- The Ballad of Hildina (Foula). In: Norn. Hnolt 2006–2014, 2014, abgerufen am 6. Juni 2015 (englisch).
- The Language of The Ballad of Hildina. In: Norn. Hnolt 2006–2014, 2014, abgerufen am 6. Juni 2015 (englisch).
- Klaske van Leyden: Kap. English in Orkney and Shetland Isles. In: Tometro Hopkins, John McKenny: World Englishes. Volume 1: The British Isles. Bloomsbury, London 2013. google books ISBN 978-0-8264-7848-1
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e The Ballad of Hildina (Foula). In: Norn. Hnolt 2006–2014, 2014, abgerufen am 28. Mai 2015 (englisch).
- ↑ Michael Barnes: Kap. Orkney and Shetland Norn. In: Peter Trudgill: Language in the British Isles. Cambridge University Press, Cambridge 1984: S. 358. ISBN 0-521-28409-0
- ↑ S. 356
- ↑ Bjarni Steintún: The Case System of the Hildina Ballad. In: Bergen Abstracts for The Bergen-Cambridge Postgraduate Symposium. University of Bergen, 9. April 2015, abgerufen am 6. Juni 2015 (englisch).
- ↑ Knut Liestøl: Saga og folkeminne. & Rendboe: The Henpecked Farmer.
- ↑ a b Laurits Rendboe: Kap. ’The Henpecked Farmer’: Fragments of an Old Jocular Ballad in Shetland Norn. In: Hans F. Nielsen, Lene Schøsler: The Origins and Development of Emigrant Languages: Proceedings from the Second Rasmus Rask Colloqium, Odense University, November 1994. John Benjamins, Odense 1996: S. 201. google books ISBN 978-90-272-7279-9
- ↑ Bengt R. Jonsson, Svale Solheim, Eva Danielson: The Types of the Scandinavian Medieval Ballad. Universitetsforlaget, Oslo 1978. ISBN 82-00-09479-0
- ↑ Anonyme Übersetzung bei the Norn website. nornlanguage.x10.mx
- ↑ Nora Kershaw Chadwick: Stories and Ballads of the Far Past. Cambridge University Press, Cambridge 1921: S. 164–165.
- ↑ Robert McColl Millar: Social History and the Sociology of Language. In: Juan M. Hernández-Campoy, J. Camilo Conde-Silvestre: The Handbook of Historical Sociolinguistics. Wiley Blackwell, Chichester 2014: S. 57. google books ISBN 978-1-118-79802-7
- ↑ Robert McColl Millar: Northern and Insular Scots. Edinburgh University Press, Edinburgh 2007: S. 128–129.
- ↑ Klaske van Leyden: Kap. English in Orkney and Shetland Isles. In: Hopkins |editor1-first=Tometro |editor2-last=McKenny |editor2-first=John |title=World Englishes. Volume 1: The British Isles. Bloomsbury, London 2013: S. 307.
- ↑ Sein Artikel trägt den Titel „Geographiske og historiske Notiser om Orknøerne og Hetland, af PA Much“ und ist Teil des sechsten Bandes („Sjette Bind“), der 1839 vollständig gedruckt wurde.
- ↑ George Barry: The History of the Orkney Islands. Archibald Constable, Edinburgh 1805: S. 484–490. google books
- ↑ a b Full text of “Hildina” in Norn, Old Norse, und Englisch.
- ↑ Michael Barnes: Kap. The Study of Norn. In: Northern Lights, Northern Words: Selected Papers from the FRLSU Conference, Kirkwall 2009. Forum for Research on the Languages of Scotland and Ireland, 2010, S. 34, abgerufen am 7. Mai 2015 (englisch).
- ↑ Nora Kershaw Chadwick: Stories and Ballads of the Far Past. Cambridge University Press, Cambridge 1921: S. 240, 217.
- ↑ Klaske van Leyden: Kap. English in Orkney and Shetland Isles. In: Tometro Hopkins, John McKenny: World Englishes. Volume 1: The British Isles. Bloomsbury, London 2013: S. 307.
- ↑ W. G. Collingwood: Scandinavian Britain. Society for Promoting Christian Knowledge, 1908, S. 259–260, abgerufen am 6. Juni 2015 (englisch).
- ↑ Robert McColl Millar: Northern and Insular Scots. Edinburgh University Press, Edinburgh 2007: S. 129.
- ↑ Nora Kershaw Chadwick: Stories and Ballads of the Far Past. Cambridge University Press, Cambridge 1921: S. 39–41, 219.
- ↑ Nora Kershaw Chadwick: Stories and Ballads of the Far Past. Cambridge University Press, Cambridge 1921: S. 40–41.
- ↑ He asked me to interpret an ill-prophecy:
„Just now the Norns awoke me;
I imagined, Gudrun, Gjuki’s daughter,
That you pierced my heart with a poisoned sword.“
„A dream of metal, that means fire,
Of a maid's anger, that means pride:
To ban evil I will burn you with fire
For your comfort and health, though hateful to me.“ W. H. Auden: Paul B. Taylor: Norse Poems. Faber and Faber, London 1981: S. 111. google books ISBN 0-571-13028-3 - ↑ Rasa Baranauskienė: Kap. 4.9 Celtic motifs in Hildinavisen. In: Celtic and Scandinavian language and cultural contacts during the Viking Age. (Thesis, PDF) Universität Vilnius 2012: S. 164–192. vddb.library.lt
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