Lokono

Die Lokono (Eigenbezeichnung, „Menschen“; Singular: Loko auf Lokono), historisch auch Arawak oder Festland-Arawak, sind eine indigene Ethnie im Norden Südamerikas. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet erstreckt sich entlang der Küstenregionen und Flussläufe der Region Guayana, also in Guyana, Suriname, Französisch-Guayana und im östlichen Venezuela. Das Exonym Arawak war namensgebend für die arawakische Sprachfamilie.

Kolonialzeit

Kontakte zwischen den Lokono und europäischen Seefahrern wurden erstmals Ende des 16. Jahrhunderts dokumentiert. Im Jahr 1595 beschrieb der englische Entdecker Sir Walter Raleigh Expeditionen in die Region Guayana und identifizierte die dortigen Gruppen unter Namensvarianten wie Arrowouka oder Arwacca.[1] Im Gegensatz zu den verwandten Taíno auf den Großen Antillen, die nach 1492 rasch der Konquistation zum Opfer fielen, konnten die Lokono auf dem Festland ihre Autonomie über Jahrhunderte bewahren. Dies gelang ihnen unter anderem durch strategische Handelsallianzen mit europäischen Mächten, wobei sie sich in militärischen Konflikten mit den expandierenden Kariben (Kalina) behaupten konnten.[2]

Ab dem Jahr 1738 begann die systematische Missionierung der Lokono durch die Herrnhuter Brüdergemeine. In der 1740 gegründeten Missionsstation Pilgerhut am Berbice-Fluss (im heutigen Guyana) widmeten sich deutsche Missionare wie Theophilus Salomon Schumann intensiv der Erfassung der indigenen Kultur und der Erforschung der Sprache.[3] Im 19. Jahrhundert setzte der anglikanische Missionar William Henry Brett diese Arbeit im Distrikt Pomeroon fort und dokumentierte den Zustand und die Lebensweise der verschiedenen Stämme im kolonialen Britisch-Guyana.[4]

Kultur und Wirtschaft

Die traditionelle Lebensgrundlage der Lokono basiert auf einer Kombination aus Wanderfeldbau (Brandrodung), Jagd und Fischfang. Hauptnahrungsmittel der Lokono ist Maniok (Manihot esculenta). Da die Knollen im Rohzustand cyanogene Glycoside enthalten, entwickelten die Lokono eine spezialisierte Technologie zur Verarbeitung: Die geraspelte Maniokmasse wird in elastische, aus Palmstreifen geflochtene Pressschläuche (Lokono: yoro, in der Literatur bekannter unter dem karibischen Namen matapi) gefüllt. Durch das Dehnen des Schlauchs wird der giftige Saft herausgepresst. Das verbleibende trockene Mehl (Lokono: haro,[5] auch harho oder aru[6]) wird anschließend zu haltbarem Fladenbrot gebacken.[7] Während im karibischen Raum kolonial das Taíno-Wort kasabi, hispanisiert casabe (daher auch englisch cassava für Maniok), für das Fladenbrot dominierte, besitzt das guyanische Lokono differenzierte Eigenbezeichnungen: Das frisch gepresste Maniokmehl (aus bitterem Maniok) wird als khali bezeichnet (das fertige Brot als khali-bena), während das fein abgesetzte Stärkemehl (oder Mehl aus süßem Maniok) den Namen arasoka trägt.[8]

Die soziale Organisation der Lokono zeichnet sich historisch durch exogame, matrilineare Klans aus, bei denen die Abstammung und Erbfolge ausschließlich über die weibliche Linie (Mutterlinie) fortgeführt wird.[9] Diese ausgeprägte Verwandtschaftsstruktur, die auch die Heiratsallianzen zwischen den verschiedenen Klans (wie dem traditionsreichen Korobahado-Klan) regelt, unterscheidet die Lokono von vielen benachbarten Ethnien Guayanas, die oft bilaterale oder patrilineare Systeme aufweisen.[10]

In der traditionellen Kosmologie der Lokono nimmt der Schöpfergott Kururumany die zentrale Rolle ein. Die Geisteswelt der Ethnie ist zudem von zahlreichen Natur- und Waldgeistern wie dem Buschgeist Yurukan geprägt. Traditionell agierten Medizinmänner (semechihi) als Vermittler zwischen den Menschen und dieser Geisterwelt, um Krankheiten zu heilen oder den Jagderfolg zu sichern.[11]

Heutige Situation

Heute wird die Gesamtzahl der Lokono auf etwa 15.000 bis 20.000 Menschen geschätzt, wobei die größte Population in Guyana lebt (v. a. in den Regionen Pomeroon-Supenaam und Cuyuni-Mazaruni).[12][13]

Während es ein stark ausgeprägtes ethnisches Bewusstsein gibt, ist die Lokono-Sprache akut vom Aussterben bedroht, da jüngere Generationen zunehmend zum Englischen (in Guyana), Niederländischen (in Suriname) oder Französischen wechseln. Von Konrad Rybka (2016) zitierte Angaben ergeben zusammen noch rund 2000 Sprecher. Es gibt jedoch aktive, von indigenen Aktivisten getragene Revitalisierungsprojekte (wie jene des indigenen Historikers und anglikanischen Priesters John Peter Bennett).[14]

Literatur

  • William Henry Brett: The Indian Tribes of Guiana: Their Condition and Habits. Bell and Daldy, London 1868.
  • Janette Forte: About the Guyanese Arawaks (Lokono). In: Archaeology and Anthropology. Band 6, Nr. 1 & 2, Walter Roth Museum of Anthropology, Georgetown 1989, S. 43–52.
  • Walter Roth: An Inquiry into the Animism and Folk-Lore of the Guiana Indians. In: Thirty-Eighth Annual Report of the Bureau of American Ethnology. Washington 1915.
  • Neil L. Whitehead: Lords of the Tiger Skin: A History of the Caribs in Colonial South America and the Caribbean, 1492–1820. KITLV Press, Leiden 1988.
  • Konrad Rybka: State-of-the-art in the Development of Lokono. In: Acta Americana. Band 7, Nr. 2, 2016, S. 33–41 (Detaillierte Analyse zu den gemeinschaftsbasierten Revitalisierungsversuchen, der Entwicklung von Schulmaterialien in Suriname und Guyana sowie der Rolle des Walter Roth Museums bei der Verschriftlichung, Link auf Research Gate).

Einzelnachweise

  1. Sir Walter Raleigh: The Discoverie of the Large, Rich, and Bewtiful Empyre of Guiana. London 1596 (Nachdruck herausgegeben von Neil L. Whitehead, Manchester University Press, 1997).
  2. Neil L. Whitehead: Lords of the Tiger Skin: A History of the Caribs in Colonial South America and the Caribbean, 1492–1820. KITLV Press, Leiden 1988, S. 42–45.
  3. Peter van Baarle: Eighteenth-Century Descriptions of Arawak by Moravian Missionaries. In: Languages of the Guianas. SIL International, 1997, S. 3–14.
  4. William Henry Brett: The Indian Tribes of Guiana: Their Condition and Habits. Bell and Daldy, London 1868, S. 98–105.
  5. John Peter Bennett: Arawak-English Dictionary With an English word-list. Walter Roth Museum of Anthropology, Georgetown 1989. haro, n. starch, S. 13.
  6. Marie-France Patte: Arawak vs. Lokono. What’s in a name? In: Nicholas Faraclas et al. In a sea of heteroglossia, FPI - UNA, pp.75-86, 2010. ⟨halshs-00696103⟩. from Guianese Arawak aru, today harho, 'manioc starch', S. 4.
  7. Janette Forte: About the Guyanese Arawaks (Lokono). In: Archaeology and Anthropology. Band 6, Nr. 1 & 2, Walter Roth Museum of Anthropology, Georgetown 1989, S. 43–52.
  8. John Peter Bennett: An Arawak-English Dictionary with an English Word-List. Walter Roth Museum of Anthropology, Georgetown 1989, S. 42, 87.
  9. Julian H. Steward (Hrsg.): Handbook of South American Indians. Volume 4: The Circum-Caribbean Tribes. Smithsonian Institution (Bureau of American Ethnology Bulletin 143), Washington 1948, S. 520–524.
  10. Audrey J. Butt: Marriage, Affinity, and Descent in Two Arawakan Tribes. In: American Anthropologist. Band 68, Nr. 1, 1966, S. 120–127.
  11. Walter Roth: An Inquiry into the Animism and Folk-Lore of the Guiana Indians. In: Thirty-Eighth Annual Report of the Bureau of American Ethnology. Washington 1915, S. 118–122.
  12. Arawak (Lokono) Profile. Caribbean Indigenous and Endangered Languages Project (CIEL), University of the West Indies, 2021.
  13. International Work Group for Indigenous Affairs (IWGIA): The Indigenous World 2026: French Guiana. Kopenhagen 2026; sowie: Arawak (Lokono) Profile. Caribbean Indigenous and Endangered Languages Project (CIEL), University of the West Indies, 2021 (Schätzungen von ca. 15.000 Lokono in Guyana sowie rund 2.000 bis 2.500 in Suriname).
  14. Konrad Rybka: State-of-the-art in the Development of Lokono. In: Acta Americana. Band 7, Nr. 2, 2016, S. 33–41.

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