Plattenfehler
Ein Plattenfehler ist in der Philatelie eine wiederkehrende Abweichung im Druckbild einer Briefmarke oder eines Aufdrucks beziehungsweise Überdrucks, die durch…

Ein Plattenfehler ist in der Philatelie eine wiederkehrende Abweichung im Druckbild einer Briefmarke oder eines Aufdrucks beziehungsweise Überdrucks, die durch eine Beschädigung der verwendeten Druckform entstanden ist; der englische Fachausdruck lautet meist plate flaw.[1][2] Im Unterschied zu einer vorübergehenden Druckzufälligkeit erscheint ein Plattenfehler an einer durch den Aufbau der Druckform bestimmten Stelle oder in einem regelmäßigen Wiederholungsmuster.
Ein Plattenfehler kann zugleich als Feldmerkmal dienen, wenn sich mit seiner Hilfe ein bestimmtes Bogenfeld oder eine bestimmte Druckform ermitteln lässt. Umgekehrt ist nicht jedes Feldmerkmal ein katalogisierter Plattenfehler.
Geschichte und Erforschung

Plattenbedingte Abweichungen traten bereits bei den ersten Briefmarken auf. Auf der im April 1840 fertiggestellten Platte 1a der britischen One Penny Black waren bei zahlreichen Markenbildern einzelne Strahlen des nordwestlichen Ecksterns verkürzt, verdickt oder unvollständig ausgebildet. Diese in der englischsprachigen Fachliteratur als ray flaws bezeichneten Abweichungen ermöglichen unter anderem die Unterscheidung verschiedener Zustände der Druckplatte.[3][4]
Ein weiterer bekannter früher Plattenfehler ist der als O flaw bezeichnete helle Ausbruch innerhalb des Wortes „ONE“. Er erscheint in mehreren Entwicklungszuständen auf den Platten 8 bis 10. Bei Reparaturen einzelner Markenbilder wurde der Fehler häufig beseitigt oder abgeschwächt. Da mehrere dieser Platten zunächst für die schwarze und anschließend für die rote Ein-Penny-Marke verwendet wurden, lässt sich derselbe Fehler in beiden Farben nachweisen.[4]
Die systematische Untersuchung von Druckplatten, Feldmerkmalen und Fehlerzuständen entwickelte sich zusammen mit der organisierten Philatelie. Die 1869 gegründete Royal Philatelic Society London verfolgte von Beginn an unter anderem das Ziel, philatelistische Forschung zu fördern, Fachliteratur zu veröffentlichen und Fälschungen zu bekämpfen.[5]
Ein frühes grundlegendes technisches Werk war das 1881 von Frederick Philbrick und William A. S. Westoby veröffentlichte Buch The Postage and Telegraph Stamps of Great Britain. Die Royal Philatelic Society bezeichnet es als wegweisende technische Untersuchung, an der spätere Veröffentlichungen gemessen worden seien.[6]
Edward Denny Bacon veröffentlichte 1920 das zweibändige Werk The Line-Engraved Postage Stamps of Great Britain Printed by Perkins, Bacon & Co. Es beruhte wesentlich auf den erhaltenen Geschäfts- und Produktionsunterlagen der Druckerei Perkins Bacon und wurde zu einer wichtigen Grundlage für die Untersuchung der Herstellung, Verwendung und Reparatur der frühen britischen Druckplatten. Bacon erhielt dafür 1921 die Crawford-Medaille.[7]
Einen weiteren Meilenstein bildete das 1922 von Charles Nissen und Bertram McGowan veröffentlichte Werk The Plating of the Penny Black Postage Stamp of Great Britain, 1840. Darin wurden die einzelnen Markenbilder aller elf für die One Penny Black verwendeten Platten beschrieben, um einzelne Marken bestimmen und vollständige Bogen rekonstruieren zu können.[8] Nissen und McGowan wurden dafür ebenfalls mit der Crawford-Medaille ausgezeichnet.[7]
Mit H. Osbornes 1932 erschienenem Buch The Ray-Flaws of Plates 1 and 2 of the Penny Black Postage Stamp of Great Britain entstanden anschließend auch Monografien, die gezielt einer bestimmten Gruppe von Plattenfehlern gewidmet waren.[9]
Im 20. Jahrhundert wurde die Forschung zunehmend von länder- und ausgabenspezifischen Vereinen und Arbeitsgemeinschaften getragen. Der 1931 gegründete Verein INFLA-Berlin widmete sich zunächst der Erforschung und Pflege der deutschen Briefmarken aus der Inflationszeit. Bereits 1932 wurden ein Seltenheitsverzeichnis, eine Prüferkommission und eine Vergleichssammlung von Falschstempeln geplant; später entstanden weitere Arbeitsgemeinschaften und eigene Forschungsberichte.[10]
In den Vereinigten Staaten führte die langjährige Erforschung und Feldbestimmung der 3-Cent-Marke von 1851 im Jahr 1948 zur Gründung der Three Cent 1851–57 Unit innerhalb der American Philatelic Society. Aus ihr ging 1964 die United States Philatelic Classics Society hervor.[11]
Die Great Britain Philatelic Society wurde 1955 zur Förderung der britischen Spezialphilatelie gegründet und veröffentlicht seit Dezember 1956 Forschungsarbeiten in ihrer Fachzeitschrift The GB Journal.[12] Die Arbeitsgemeinschaft Bautenserie 1948 veröffentlichte ihr erstes Mitteilungsblatt ebenfalls 1955. Ihre Forschung umfasst unter anderem Druckformen, Feldmerkmale, Retuschen und die Zuordnung einzelner Marken zu bestimmten Druckplatten und Bogenfeldern.[13]
Solche Vereinigungen befassen sich in der Regel nicht ausschließlich mit Plattenfehlern. Zu ihren Forschungsgebieten gehören außerdem Druckverfahren, Papiere, Druckfarben, Zähnungen, Aufdrucke, Poststempel und die postalische Verwendung der untersuchten Ausgaben.
Entstehung und Arten
Ein Plattenfehler kann in unterschiedlichen Stadien der Herstellung entstehen. Er kann bereits in einer ursprünglichen Druckvorlage vorhanden sein, während der Herstellung oder Montage der eigentlichen Druckformen entstehen oder sich erst während des Druckvorgangs bilden. Je nach Zeitpunkt seiner Entstehung kann ein Fehler deshalb in der gesamten Auflage, nur auf bestimmten Druckformen oder lediglich in einer Teilauflage vorkommen.[1]
Wie häufig ein Plattenfehler auftritt, hängt vom verwendeten Druckverfahren, vom Aufbau und von der Zahl der Druckformen sowie vom Zeitpunkt der Beschädigung ab. Ein nur auf einem einzelnen Druckelement vorhandener Fehler erscheint auf dem entsprechenden Bogenfeld der damit hergestellten Bogen. Ein bereits während einer frühen Vervielfältigungsstufe entstandener Fehler kann sich dagegen an mehreren korrespondierenden Stellen eines Druckbogens wiederholen.
Primäre, sekundäre und tertiäre Plattenfehler
Der Bund Philatelistischer Prüfer unterscheidet Plattenfehler nach dem Zeitpunkt ihrer Entstehung in drei Gruppen:[1]
- Primäre Plattenfehler sind bereits im Urstöckel oder in einer vergleichbaren ursprünglichen Druckvorlage vorhanden. Sie werden bei der Vervielfältigung der Vorlage auf die daraus hergestellten Druckformen übertragen.
- Sekundäre Plattenfehler entstehen während der Herstellung, Vervielfältigung oder Montage der eigentlichen Druckformen. Sie finden sich nur auf den Druckformen oder Druckelementen, die von der betreffenden Beschädigung betroffen sind.
- Tertiäre Plattenfehler entstehen erst während des Druckvorgangs, etwa durch eine mechanische Beschädigung oder durch fortschreitende Abnutzung der Druckform. Sie betreffen deshalb regelmäßig nur einen späteren Teil der Auflage.
In Briefmarkenkatalogen und in der Spezialliteratur finden sich dafür unter anderem die Kürzel PP, SP und TP. Die allgemeine Abkürzung PF steht für Plattenfehler. Verwendung und genaue Bedeutung solcher Kürzel können jedoch je nach Katalog und Sammelgebiet variieren.
Vervielfältigung und Wiederholungsmuster

Die Herstellung von Druckformen unterscheidet sich nach Druckverfahren, Briefmarkenausgabe und ausführender Druckerei. Die Zusammensetzung aus kleineren, mehrfach vervielfältigten Einheiten ist deshalb kein allgemeingültiges Verfahren, lässt sich jedoch bei bestimmten Ausgaben nachweisen.
Ein Beispiel sind die deutschen Inflationsmarken mit dem sogenannten Korbdeckel- oder Rosettenmuster. Für sie wurde zunächst ein Urklischee mit 25 Markenbildern in fünf Reihen zu je fünf Markenbildern hergestellt. Vier Abformungen dieser Einheit wurden anschließend zu einer Druckform mit 100 Markenbildern zusammengesetzt. Bereits in der 25er-Einheit vorhandene Abweichungen erschienen dadurch jeweils viermal auf dem vollständigen Bogen.[14]
Für solche in einer frühen Vervielfältigungsstufe entstandenen Abweichungen wird in der Spezialliteratur zu den Korbdeckelmarken unter anderem die Bezeichnung Primärmerkmal oder Primär-Plattenfehlermerkmal (PPM) verwendet.[14] Als Parallelerscheinungen (PE) werden dort Abweichungen bezeichnet, die aufgrund des Herstellungsverfahrens auf mehreren korrespondierenden Feldern derselben Druckform erscheinen.
Je nach geplanter Auflagenhöhe konnten mehrere Druckformen und Reserveformen hergestellt werden. Bei manchen Ausgaben wurden die verwendeten Druckformen durch Platten-, Form- oder andere Kennnummern am Bogenrand gekennzeichnet. Solche Angaben auf dem Bogenrand können die Zuordnung eines Bogens zu einer bestimmten Druckform erleichtern; ihre Lage, Bedeutung und Ausgestaltung unterscheiden sich jedoch je nach Ausgabe und Herstellungsverfahren.
Retuschen und Fehlerzustände

Werden Plattenfehler während der Drucklegung entdeckt, können sie durch Retuschierung, durch den Austausch einzelner Druckelemente oder durch den Einsatz einer anderen Druckform korrigiert werden. Der ursprüngliche Fehler erscheint dann in späteren Teilen der Auflage nicht mehr oder nur noch in veränderter Form.
Eine beschädigte Stelle kann sich auch ohne gezielte Korrektur im weiteren Druckverlauf verändern. Beispielsweise kann im Buchdruck ein zunächst kleiner Ausbruch des druckenden Materials fortschreiten. Dadurch können verschiedene Fehler- oder Entwicklungszustände desselben Plattenfehlers entstehen. Für den Nachweis kann eine solche Entwicklung dennoch als formkonstant gelten, sofern sie sich nachvollziehbar auf dieselbe beschädigte Stelle zurückführen lässt.[15]

Bei den deutschen Inflationsmarken im Korbdeckelmuster wird der bekannte „Sprung im Korbdeckel“ in Katalogen und Auktionsbeschreibungen als Haupttype (HT) bezeichnet.[16]
Da bei diesen Ausgaben das Markenbild, die Wertangabe und gegebenenfalls der Aufdruck in getrennten Druckgängen hergestellt wurden, kann derselbe Fehler im Markenbild auf verschiedenen Wertstufen, in unterschiedlichen Farben oder zusammen mit verschiedenen Aufdrucken erscheinen. Die Bezeichnungen HT, KT, ST, PPM und PE sind jedoch ausgaben- oder katalogspezifisch und lassen sich nicht ohne Weiteres auf sämtliche Briefmarkenausgaben übertragen.
Abgrenzung und Bestimmung
Für die Einordnung einer Abweichung sind zwei Fragen voneinander zu unterscheiden. Zunächst ist zu prüfen, ob sie auf eine dauerhafte Veränderung der Druckform oder lediglich auf eine vorübergehende Störung des Druckvorgangs zurückgeht. Davon zu trennen ist die Frage, ob die Abweichung als Feldmerkmal zur Bestimmung der ursprünglichen Position einer Marke oder der verwendeten Druckform herangezogen werden kann.
Druckzufälligkeiten
Plattenfehler sind von Druckzufälligkeiten zu unterscheiden. Diese entstehen durch vorübergehende Störungen während des Druckvorgangs. Papierfasern, Staubteilchen, Farbspritzer oder andere Fremdkörper können Punkte, Farbtupfer, Flecken, Linien oder unbedruckte Stellen im Markenbild hervorrufen.[1]
Ein Fremdkörper kann auch mehrere nacheinander gedruckte Bogen beeinflussen. Dabei kann er seine Lage verändern, im Markenbild „wandern“ oder unterschiedliche Spuren hinterlassen. Nach seinem Ablösen oder bei der nächsten Reinigung der Druckform verschwindet die Erscheinung wieder. Eine Druckzufälligkeit muss daher nicht zwingend nur auf einer einzigen Marke vorkommen.[15]
Auch ein zu geringer, zu starker oder ungleichmäßiger Farbauftrag kann sichtbare Abweichungen vom vorgesehenen Markenbild erzeugen. Solche Erscheinungen können für Spezialsammler von Interesse sein, sind jedoch keine Plattenfehler. Druckzufälligkeiten werden vom Bund Philatelistischer Prüfer im Unterschied zu anerkannten Plattenfehlern nicht signiert oder attestiert.[1]
Ebenfalls keine Plattenfehler sind Veränderungen, die erst nach dem Druck entstanden sind, etwa Kratzer, Papierbeschädigungen, Verfärbungen oder nachträgliche Manipulationen. Bei auffälligen Einzelstücken müssen deshalb auch nachträgliche Veränderungen und Fälschungen als mögliche Ursachen ausgeschlossen werden.
Nicht allein die Zahl der gefundenen Stücke ist für die Abgrenzung entscheidend. Ein Plattenfehler muss an einer durch den Aufbau der Druckform erklärbaren Position wiederkehren und eine weitgehend gleichbleibende oder nachvollziehbar fortschreitende Form besitzen.
Feldmerkmale und Feldbestimmung

Ein Plattenfehler kann zugleich als Feldmerkmal dienen, wenn seine Position und Form die Zuordnung zu einem bestimmten Bogenfeld oder einer bestimmten Druckform ermöglichen. Nicht jedes Feldmerkmal ist jedoch ein katalogisierter Plattenfehler. Als Feldmerkmale werden allgemein wiederkehrende Besonderheiten des Druckbildes bezeichnet, die zur Feldbestimmung einer Marke beitragen. Dazu können Plattenfehler, Retuschen, Nachgravierungen und kleinere konstante Abweichungen gehören, die für die Bestimmung bedeutsam sind, aber nicht die Voraussetzungen für eine eigenständige Katalogisierung erfüllen.
Bei der One Penny Black geben die beiden unteren Eckbuchstaben die Position der Marke im Druckbogen unmittelbar an. Der linke Buchstabe bezeichnet die Reihe von A bis T, der rechte die Spalte von A bis L. Das Buchstabenpaar „RA“ bezeichnet somit die erste Marke der Reihe R. Die Eckbuchstaben wurden absichtlich angebracht und sind keine Plattenfehler.[17]
Die genaue Form und Position der Buchstaben können jedoch zusätzliche Hinweise auf die verwendete Platte geben. Bei Platte 10 entstand der Buchstabe „R“ durch die Ergänzung eines schrägen Striches an einem ursprünglich eingravierten „P“. Diese nachgravierte Buchstabenform ist ein charakteristisches Herstellungsmerkmal der Platte. Der auf denselben Marken sichtbare O flaw ist dagegen ein Plattenfehler. Beide Besonderheiten können zur Unterscheidung und Bestimmung der Druckplatte beitragen.[3]
Die Rekonstruktion eines vollständigen Druckbogens aus einzeln bestimmten Marken wird in der philatelistischen Praxis häufig als „Plattieren“ bezeichnet. Dabei werden die wiederkehrenden Unterschiede einzelner Markenbilder mit vollständigen Bögen, erhaltenen Registrierbögen, Abbildungen oder dokumentierten Feldmerkmalen verglichen.

Ein bekanntes deutsches Forschungsgebiet ist die Bautenserie 1948. Bei einzelnen Wertstufen weisen nahezu alle Bogenfelder wiederkehrende Unterschiede auf, darunter Weiß- und Farbflecke, veränderte oder gequetschte Linien, zugeschlagene Bildteile, Retuschen und unterschiedlich positionierte Wertzahlen. Diese Abweichungen lassen sich – mit Ausnahme vorübergehender Druckzufälligkeiten – bestimmten Feldern und Herstellungsstufen zuordnen.[18]
Bei den im Offsetdruck hergestellten Marken der Bautenserie werden je nach Wertstufe und Herstellungsverfahren unter anderem folgende Kategorien unterschieden:
- Primärmerkmale (PM) entstanden bei einer frühen Vervielfältigung eines einzelnen Markenbildes zu einer größeren Einheit. Da diese Einheit mehrfach auf dem Druckbogen vorkam, wiederholen sich Primärmerkmale auf mehreren korrespondierenden Feldern.
- Sekundärmerkmale (SM) entstanden bei der weiteren Zusammensetzung der vervielfältigten Einheiten zu einer größeren Druckvorlage.
- Tertiärmerkmale (TM) entstanden bei späteren Herstellungsschritten auf den für bestimmte Wertstufen angefertigten Druckplatten.
- Bei einzelnen Werten werden außerdem Quartärmerkmale (QM) unterschieden. Sie entstanden erst bei der Herstellung oder Bearbeitung einer bestimmten Druckplatte und können dazu dienen, mehrere Platten derselben Wertstufe voneinander zu unterscheiden.[19]
Diese ausgabenspezifische Einteilung ist nicht in allen Einzelheiten mit der allgemeinen Unterscheidung zwischen primären, sekundären und tertiären Plattenfehlern identisch. Bei der Bautenserie beschreiben die Begriffe vor allem die Vervielfältigungs- oder Herstellungsstufe, in der ein Feldmerkmal entstand. Ein häufig vorkommendes Primärmerkmal kann für die Feldbestimmung wichtig sein, ohne als eigenständiger Plattenfehler katalogisiert oder mit einem Wertzuschlag versehen zu werden.[18]
Bei einer Einzelmarke kann ein einziges schwach ausgeprägtes oder durch einen Poststempel verdecktes Merkmal für eine sichere Zuordnung unzureichend sein. Durch die Kombination mehrerer Merkmale lassen sich bei vielen Marken jedoch das Bogenfeld und teilweise auch die verwendete Druckplatte bestimmen.
Nachweis und Katalogisierung
Ob eine Abweichung als Plattenfehler anerkannt und in einen Briefmarkenkatalog wie den MICHEL-Katalog aufgenommen wird, lässt sich meist erst nach einer philatelistischen Untersuchung beurteilen. Kann ihr Ursprung nicht durch Unterlagen der ausführenden Druckerei, eine erhaltene Druckform oder andere eindeutige Herstellungsnachweise belegt werden, handelt es sich zunächst um ein Forschungsobjekt beziehungsweise einen Plattenfehlerkandidaten.[15]
Für die Untersuchung eines möglichen Plattenfehlers nennt die MICHEL-Redaktion drei zentrale Kriterien:[15]
- Ortskonstanz: Die Abweichung muss entsprechend dem Aufbau der Druckform an derselben Position oder in einem regelmäßigen Wiederholungsmuster erscheinen. Besonders aussagekräftig sind Rand- und Eckrandstücke, Paare, größere Einheiten, vollständige Bogen, Kleinbogen, Folienblätter, Markenheftchenblätter oder längere Rollenmarkenstreifen, mit denen sich das Bogenfeld oder der Wiederholungsrhythmus bestimmen lässt.
- Mengenerfassung: Die Abweichung sollte auf einer ausreichenden Zahl voneinander unabhängiger Stücke nachgewiesen werden. Funde aus unterschiedlichen Bezugsquellen und Regionen sowie in verschiedenen Erhaltungsformen – etwa als postfrische oder gestempelte Einzelmarken sowie auf Briefen – sprechen dafür, dass eine größere Zahl von Marken und nicht lediglich wenige unmittelbar aufeinanderfolgende Drucke betroffen waren.
- Formkonstanz: Die Abweichung muss auf den nachgewiesenen Exemplaren im Wesentlichen dieselbe Form besitzen. Veränderungen sind möglich, wenn sich eine nachvollziehbare Entwicklung der beschädigten Druckform erkennen lässt, beispielsweise ein fortschreitender Ausbruch während des Drucks.
Die Kriterien sind keine starren Mindestanforderungen, die in jedem Einzelfall vollständig erfüllt werden müssen. Bei der Beurteilung werden auch das Druckverfahren, der bekannte Aufbau der Druckform und das Fachwissen spezialisierter Sammler und Druckexperten berücksichtigt. Ein einzelner Fund reicht jedoch in der Regel nicht für einen sicheren Nachweis aus. Auch mehrere nur ungefähr ähnliche Veränderungen müssen nicht auf dieselbe Beschädigung der Druckform zurückgehen.[15]
Der Nachweis eines Plattenfehlers führt nicht automatisch zu seiner Aufnahme in einen Katalog. Für eine Aufnahme in den MICHEL soll eine Abweichung außerdem deutlich erkennbar und fachlich hinreichend bestätigt sein. Die MICHEL-Redaktion berücksichtigt nach eigener Darstellung nur auffälligere Fehler, die ohne optische Hilfsmittel deutlich erkennbar sind.[15] Über die Aufnahme entscheidet die jeweilige Katalogredaktion nach ihren eigenen Kriterien und dem jeweiligen Forschungsstand.
Kataloge verwenden unterschiedliche Kennzeichnungssysteme. Im MICHEL-Spezial werden katalogisierte Plattenfehler häufig durch eine römische Zahl hinter der Katalognummer unterschieden. Andere Spezialkataloge und Arbeitsgemeinschaften verwenden eigene Bezeichnungen, teilweise unter Einbeziehung des Bogenfeldes oder des jeweiligen Fehlerzustands.[20]
Philatelistische Bedeutung
Plattenfehler gehören zu den Abarten von Briefmarken und bilden ein eigenes Sammel- und Forschungsgebiet. Ihre Untersuchung kann Rückschlüsse auf die Herstellung und Reparatur von Druckformen, die Abfolge verschiedener Druckzustände und die Zusammensetzung von Teilauflagen ermöglichen. Durch den Vergleich wiederkehrender Abweichungen können einzelne Marken außerdem einem bestimmten Bogenfeld oder einer bestimmten Druckform zugeordnet werden.
Wenn möglich, werden Plattenfehler in Paaren, größeren Einheiten oder als Randstücke gesammelt. Dies ermöglicht den unmittelbaren Vergleich mit benachbarten Marken und kann die Feldbestimmung erleichtern. Zugleich lassen sich Druckzufälligkeiten, nachträgliche Beschädigungen und Manipulationen besser erkennen.
Bei gestempelten Marken kann der Stempelabdruck das Erkennen eines Plattenfehlers erschweren. Eindeutig bestimmbare gestempelte Stücke und zeitgerecht verwendete Briefe können für den Nachweis dennoch besonders wichtig sein, weil sie das Vorkommen eines Fehlers in unterschiedlichen Erhaltungsformen, an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten belegen.[15]
Nachgewiesene und in einem Briefmarkenkatalog verzeichnete Plattenfehler können gegenüber der Normalmarke einen erheblichen Wertzuschlag erzielen. Dessen Höhe hängt unter anderem von der Seltenheit und Auffälligkeit des Fehlers, der Grundseltenheit, Erhaltung und Entwertung der Marke, ihrer Provenienz sowie der Nachfrage ab. Eine beliebige Abweichung oder ein bislang nur einmal beobachteter Fund besitzt dagegen nicht automatisch einen höheren philatelistischen Wert.
Einzelne Auktionsergebnisse verdeutlichen die Bedeutung katalogisierter Plattenfehler bei klassischen Briefmarken. Eine ungebrauchte Marke der Basler Taube von 1845 mit dem sogenannten Plattenfehler 3 – einem weißen Fleck links vom Kopf der Taube und einer unterbrochenen roten Trennlinie – erzielte 2019 bei einer Auktion 13.000 US-Dollar.[21]
Eine Marke zu 4 Rappen der Ausgabe Zürich 4 von 1846 mit einem konstanten Plattenfehler unter den Buchstaben „RI“ des Wortes „Zürich“ wurde 2017 für 7.500 US-Dollar versteigert.[22] Solche Ergebnisse sind jedoch nicht allein auf den Plattenfehler zurückzuführen, sondern ebenso auf die Seltenheit, Erhaltung und Provenienz der jeweiligen klassischen Marke.
Literatur
- Edward Denny Bacon: The Line-Engraved Postage Stamps of Great Britain Printed by Perkins, Bacon & Co. 2 Bände. Chas. Nissen & Co., London 1920.
- Charles Nissen, Bertram McGowan: The Plating of the Penny Black Postage Stamp of Great Britain, 1840. Chas. Nissen & Co., London 1922.
- Frederick Philbrick, William A. S. Westoby: The Postage and Telegraph Stamps of Great Britain. Sampson Low, Marston, Searle & Rivington, London 1881.
- Schwaneberger Verlag (Hrsg.): MICHEL-Handbuch Plattenfehler Deutsches Reich 1872–1945. 4. Auflage. Schwaneberger Verlag, Germering 2025, ISBN 978-3-95402-535-0.
Weblinks
- Die Plattenfehler der Germaniamarken auf der Website der Arbeitsgemeinschaft Germania-Marken
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Philatelistische Begriffsbestimmungen. Bund Philatelistischer Prüfer e. V., abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Plate Flaws German Reich 1872–1945. Schwaneberger Verlag GmbH, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b GB Queen Victoria 1d Die I Stamps – Plate Characteristics. Great Britain Philatelic Society, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Repairs of the Line-Engraved Issues of Great Britain – General Notes. Great Britain Philatelic Society, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ The First Meeting: 10th April 1869. Royal Philatelic Society London, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ History and Objectives. Royal Philatelic Society London, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Crawford Medal Winners. Royal Philatelic Society London, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ The Plating of the Penny Black Postage Stamp of Great Britain, 1840. Smithsonian Libraries and Archives, 1922, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ GBPS Library. Great Britain Philatelic Society, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Vereinsgeschichte. INFLA-Berlin, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ The 1851–1860 3¢ Issue. United States Philatelic Classics Society, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ About the GBPS. Great Britain Philatelic Society, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Mitteilungsblatt Digital. Arbeitsgemeinschaft Bautenserie 1948 e. V., abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ a b Andreas Gohl: Feldmerkmale und Plattenfehler der Infla-Marken mit dem Korbdeckelmuster im Plattendruck. (PDF) 2014, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ a b c d e f g Das MICHEL-Forschungsprojekt „Plattenfehler“. In: briefmarken.de. Schwaneberger Verlag GmbH, 18. Dezember 2020, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Heinrich Köhler, 380. Auktion – Deutsche Inflation. Heinrich Köhler Auktionshaus, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Plating of the Penny: RA. Great Britain Philatelic Society, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Bautenserie – Merkmale und Plattieren. Arbeitsgemeinschaft Bautenserie 1948 e. V., abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Bautenserie – Plattieren der DM-Werte. Arbeitsgemeinschaft Bautenserie 1948 e. V., abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Schwaneberger Verlag (Hrsg.): MICHEL-Handbuch Plattenfehler Deutsches Reich 1872–1945. 4. Auflage. Schwaneberger Verlag, Germering 2025, ISBN 978-3-95402-535-0.
- ↑ The Hawkins Collection of Select European Countries – Lot 5173. Cherrystone Auctions, 4. Dezember 2019, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Switzerland – Cantonal Administration Zurich, Lot 1247. Cherrystone Auctions, 19. Dezember 2017, abgerufen am 30. Juli 2026 (englisch).
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