Sequenze

Sequenze (italienisch: Plural des Singulars Sequenza) bezeichnet einen Werkzyklus des italienischen Komponisten Luciano Berio (1925–2003). Die Sequenza III fïżœ…

Sequenze (italienisch: Plural des Singulars Sequenza) bezeichnet einen Werkzyklus des italienischen Komponisten Luciano Berio (1925–2003). Die Sequenza III fĂŒr Frauenstimme „vertont“ einen Text des Schweizer Schriftstellers Markus Kutter.

Historischer Hintergrund

Zum Charakteristikum der Musik des 20. Jahrhunderts gehört die Suche nach neuen, unverbrauchten Ausdrucksmöglichkeiten: Hierzu zĂ€hlt insbesondere auch die Erforschung und Erfindung neuer Spielpraktiken der einzelnen Instrumente, wie sie beispielsweise Schönberg in der Entwicklung des Sprechgesangs exemplarisch vorgefĂŒhrt hatte.

Auf der Suche nach einer Neudefinition des musikalischen Materials wandelt sich die Rolle des Instruments ĂŒberhaupt: es ist nicht mehr bloß klangliche Erscheinungsform und AusdruckstrĂ€ger des musikalischen Gedankens, sondern wird darĂŒber hinaus in die Funktionen des Materials selbst einbezogen.

Das spieltechnische und klangliche Ausloten der Möglichkeiten der einzelnen Instrumente (und selbstredend ihrer Kombinationen) wird so zu einer kompositorischen Herausforderung von eminenter Wichtigkeit. Dem Reiz dieser Aufgabe hat sich Berio in seinen Sequenze gleich in einen ganzen sukzessiv entstandenen Zyklus angenommen.

Der Zyklus

  • Sequenza I fĂŒr Flöte (1958)
  • Sequenza II fĂŒr Harfe (1963)
  • Sequenza III fĂŒr Frauenstimme (1965–66)
  • Sequenza IV fĂŒr Klavier (1965–66)
  • Sequenza V fĂŒr Posaune (1965)
  • Sequenza VI fĂŒr Viola (1967)
  • Sequenza VII fĂŒr Oboe (1969)
  • Sequenza VIII fĂŒr Violine (1976–77)
  • Sequenza IXa fĂŒr Klarinette (1980)
  • Sequenza IXb fĂŒr Alt-Saxophon (1981)
  • Sequenza X fĂŒr Trompete in C und Klavierresonanz (1984)
  • Sequenza XI fĂŒr Gitarre (1987–88)
  • Sequenza XII fĂŒr Fagott (1995)
  • Sequenza XIII (Chanson) fĂŒr Akkordeon (1995–96)
  • Sequenza XIV (Dual) fĂŒr Violoncello (2001–02)[1]

Eigenbearbeitung

Berio hat das Material mehrerer Sequenze wiederverwendet und Fassungen fĂŒr Soloinstrument und Ensemble hergestellt, dem Zyklus Chemins (mit dem Untertitel su Sequenza), wobei die Soloparts teils identisch mit, teils Varianten von den Sequenze sind. Bearbeitungen von Sequenze tragen aber auch teils andere Titel.

  • Chemins I su Sequenza II fĂŒr Harfe und Orchester (1965)
  • Chemins II (1967) entstand aus Sequenza VI (1967) und ist fĂŒr Viola und Ensemble (9 Spieler). Chemins II wurde zu Chemins III (1968) durch HinzufĂŒgung eines Orchesters. Es existiert auch Chemins IIb (1970), eine Version von Chemins II ohne die Solo Viola aber mit grĂ¶ĂŸerem Ensemble (34 Spieler), und Chemins IIc, identisch mit Chemins IIb aber zusĂ€tzlich einer Bassklarinette als Soloinstrument (1972).
  • Chemins III su Chemins II su Sequenza VI fĂŒr Viola, Ensemble und Orchester (1968).
  • Chemins IV su Sequenza VII fĂŒr Oboe und 11 Streicher (1975)
  • Chemins V fĂŒr Klarinette und Digitalsystem (1980) aufgegeben/zurĂŒckgezogen.
  • Chemins V Sequenza XI fĂŒr Gitarre und Kammerorchester (1992)
  • „Kol-Od“ – Chemins VI su Sequenza X (1995–96) fĂŒr Trompete und Instrumentengruppen
  • „Recit“ – Chemins VII su Sequenza IXb fĂŒr Alt-Saxophon und kleines Orchester (1996)
  • Corale su Sequenza VIII (1981), fĂŒr Violine, 2 Hörner und Streicher.

Zum Begriff Sequenza

„Der Titel Sequenzen unterstreicht die Tatsache, daß die Anlage der StĂŒcke fast immer von einer Folge harmonischer Felder ihren Ausgang nimmt, aus denen mit einem Höchstmaß an Charakteristik auch die anderen musikalischen Funktionen hervorgehen.“ (Berio 1998, S. 23)

Der dabei angestrebte Eindruck eines polyphonen Hörens auch bei einstimmigen Instrumenten ist in der Tradition bereits vorgebildet: in Bachs Sonaten und Partiten fĂŒr Violine solo oder seinen Cellosuiten macht sich polyphones Denken als linearer Kontrapunkt geltend. Berio erweitert ihn um die VerschrĂ€nkung spieltechnischer und klanglicher Aspekte.

„Fast alle Sequenzen folgen tatsĂ€chlich dem gemeinsamen Ziel, einem dem Wesen nach harmonischen Verlauf auf melodischen Wegen zu verdeutlichen und zu entwickeln. ... Polyphonie wird hier im ĂŒbertragenen Sinn verstanden, als VorfĂŒhrung und Überlagerung von Aktionsweisen und von verschiedenen Instrumenten-Charakteren.“ (Berio 1998, S. 23)

Gemeinsames Merkmal aller Sequenzen ist ihr virtuoser Grundzug. Der angesprochene Aspekt instrumentaler Technik umreisst dabei nicht nur die instrumentale GeschÀftigkeit im engeren Sinne, sondern soll die gesamte Beziehung zwischen dem Virtuosen und seinem Instrument umfassen.

„Die besten Solisten unserer Zeit - modern in ihrer Intelligenz, ihrer SensibilitĂ€t, ihrer Technik - sind auch fĂ€hig, sich in einer weiten historischen Perspektive zu bewegen und die Spannungen zwischen den schöpferischen Impulsen von gestern und heute aufzuheben: sie setzen ihre Instrumente als Mittel zur Suche und zum Ausdruck ein. Ihre VirtuositĂ€t erschöpft sich nicht in manueller Fertigkeit oder philologischem Spezialistentum. Geschehe es auch bei unterschiedlichen Graden der BewußtseinsschĂ€rfe - sie können sich nur der einzigen VirtuositĂ€t widmen, die heute gilt: jener der SensibilitĂ€t und Intelligenz. ... Das ist vielleicht auch ein Grund, warum ich in allen meinen Sequenzen nie versucht habe, das Erbgut eines Instruments zu verĂ€ndern noch es gegen seine eigene Natur einzusetzen.“ (Berio 1998, S. 24f)

Die Motti von Edoardo Sanguineti

In seiner Gedichtsammlung Corollario veröffentlichte der italienische Dichter Edoardo Sanguineti, mit dem Berio hÀufig zusammengearbeitet hat, unter dem Titel Sequentia eine Reihe von Motti zu den ersten zwölf Sequenzen, die spÀter erweitert wurde (Sanguineti 1997, S. 73f):

  1. und hier beginnt deine Begierde, die der Wahn meiner Begierde ist: / die Musik ist die Begierde der Begierden:
  2. ich habe Ketten von Farben gehört, muskulös und aggressiv: / ich habe deine rauhen, harten GerĂ€usche berĂŒhrt:
  3. ich will deine Worte: und ich will sie zerstören, in Eile, deine Worte: / und ich will mich zerstören, mich, endlich, wirklich:
  4. ich zeichne mich selbst gegen deine vielen Spiegel, ich verĂ€ndere mich mit meinen Adern, / mit meine FĂŒĂŸen: ich schließe mich in alle deine Augen:
  5. ich frage dich: warum, warum? und ich bin die trockene Grimasse eines Clowns / warum willst du wissen, frage ich dich, warum ich dich frage, warum?
  6. meine launenhafte Wut ist deine fahle Ruhe gewesen / mein Lied wird dein langsames Schweigen sein
  7. Dein Profil ist eine meiner tobenden Landschaften, auf Distanz gehalten / es ist ein falsches Feuer der Liebe, die gering: tot ist
  8. ich habe fĂŒr dich meine Stimmen vervielfacht, meine Worte, meine Vokale / und ich schreie, jetzt, dass du mein Vokativ bist
  9. a: du bist unbestÀndig und unbeweglich, mein fragiles Fraktal / du bist diese, meine zerbrochene Form, die zittert
    b: meine fragile Form, du bist unbestĂ€ndig und unbeweglich: / du bist es, jenes mein zerbrochenes Fraktal, das zurĂŒckkehrt und das zittert:
  10. beschreibe meine Grenzen, und umschließe mich in Echos, in Reflexen / auf lange und unbefange, werde du mir mich, du, fĂŒr mich
  11. ich finde dich wieder, mein kindischer, unbestĂ€ndiger Pseudo-Tanz / ich schließe dich in einen Kreis: und ich unterbreche dich, zerbreche dich
  12. ich bewege mich leise, leise, ich enthĂŒlle dich, ich erkunde deine Gesichter, ich ertaste dich, nachdenklich: / ich drehe dich und drehe hin und her, dich verĂ€ndernd, zitternd: ich quĂ€le dich, schrecklich:
  13. und so tröstet uns ein Akkord, der uns freundlich schließt, schlicht: / die Katastrophe ist mittendrin, ist im Herzen: aber sie bleibt dort eingezĂ€unt, verschanzt:

Sequenza III

Der Sequenza III (fĂŒr Frauenstimme) liegt der folgende Text von Markus Kutter zugrunde:

Give me
a few words
for a woman
to sing a truth
allowing us
to build
a house
without worrying
before night comes

Die Wörter sind dabei allerdings weit ĂŒber das StĂŒck verteilt und werden teilweise wiederholt. Daneben beinhaltet das StĂŒck ohne Text zu singende Töne sowie durch die SĂ€ngerin vorzutragende GerĂ€usche, unter anderem verschiedene Formen des Lachens.

Literatur

  • Berio, Luciano: Sequenze. In: CD-Begleit-Textheft (Booklet) zur Gesamtaufnahme der Sequenze bei DGG, Hamburg 1998
  • Halfyard, Janet K.: Berio’s Sequenzas Essays on Performance, Composition and Analysis, ASHGATE 2007
  • Sanguineti, Edoardo: Corollario. Poesie 1992–96, Feltrinelli Editore, Mailand 1997

Diskografie

Anmerkungen

  1. ↑ Den Beinamen Dual trug das StĂŒck bei der UrauffĂŒhrung (siehe: Programmheft der „Wittener Tage fĂŒr neue Kammermusik 2002“ (S. 75–77) ISBN 3-89727-182-6). Berio hat es vor der Drucklegung grĂŒndlich ĂŒberarbeitet und den Beinamen anscheinend gestrichen.

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