The First Homosexuals
The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 ist eine Ausstellung im Wrightwood 659 in Chicago und im Kunstmuseum Basel. Sie widmet sich…
The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939 ist eine Ausstellung im Wrightwood 659 in Chicago und im Kunstmuseum Basel. Sie widmet sich der frühen Sichtbarkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens und der Geschlechtervielfalt in der Kunst.
Geschichte
Die Ausstellung wurde ursprünglich von der Alphawood Foundation im Wrightwood 659 in Chicago, organisiert.[1] Dort wurde sie von Jonathan D. Katz und Johnny Willis recherchiert und kuratiert.[2] Vorausgehend betrieb Katz eine umfassende und langjährige Recherche. Ausserdem erscheint ein gleichnamiger Ausstellungsführer.
Die Ausstellung wurde für Basel von den Kuratoren Rahel Müller und Len Schaller adaptiert. Dies geschah in Zusammenarbeit mit Katz und Willis. Die Ausstellung wurde mit Werken und Archivmaterialien aus der Region erweitert.
Schwerpunkte
Die Ausstellung beschreibt in sechs Kapiteln die frühe Darstellung von Homosexualität in der Kunst. Die Schau beginnt mit Darstellungen von queerer Sexualität aus unterschiedlichen Regionen, bevor dieses Wort dafür verwendet wurde. In Europa herrschte zwischen 1500 und 1800 eine ablehnende Haltung gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe. Dennoch findet man in der Kunst Darstellungen homoerotischer Szenen. Unter dem Deckmantel antiker Mythologie erkundeten Künstler Motive, ohne diese explizit als homoerotisch benennen zu müssen. Ausserhalb Europas war gleichgeschlechtliche Sexualität vielerorts gesellschaftlich akzeptiert.
Das Kapitel „Vom Begriff zum Bild“ widmet sich Selbstdarstellungen, aber auch wie Künstler ihre queeren Freunde, Liebhaber und Beziehungspersonen abbildeten. Neu wurde Homosexualität auch nicht mehr als einzelne Handlungen gesehen, sondern konnte identitätsbildend sein. Zugleich entwickelte sich eine gemeinsame Bildsprache.
In „Körper im Wandel“ wird der Wandel von Darstellungen homoerotischer Kunst untersucht. Während Ende des 19. Jahrhunderts noch bevorzugt schlanke, jugendliche Körper dargestellt wurden, verschob sich dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermehrt auf muskulöse, betont maskuline Körperformen. Der Wandel weist auf ein neues Verständnis von Homosexualität selbst. Homosexualität wurde bis anhin nicht als sexuelle Orientierung gelesen, sondern als drittes Geschlecht.
In der folgenden Sektion „Verschlüsselte Zeichen“ werden verschlüsselte Codes und Hinweise aufgezeigt, welche die Community nutzte. Queere Lebensweisen wurden in vielen Gesellschaften kriminalisiert und verfolgt. Daraus entstand die Notwendigkeit, verschlüsselte Codes und Hinweise zu verwenden, die nur von Personen innerhalb der Community gelesen werden können.
Das Kapitel „Die Vielfalt der Geschlechter“ zeigt auf, wie ab 1869 ersten Bezeichnungen für Trans-Menschen auftauchten und sich Geschlechtsidentitäten in die Kunst wiederfinden. Das letzte Kapitel widmet sich dem Einfluss des Kolonialismus auf Regionen, in denen Homosexualität und diverse Geschlechtsidentitäten lange Zeit als selbstverständlich galten nun gezielt eine neue Feindseligkeit eingeführt wurde. Nicht-europäische Kulturen wurden aufgrund ihrer angeblichen Zügellosigkeit verurteilt, gleichzeitig bediente man sich ihrer erotischen Fantasien für ein europäisches Publikum. Zahlreiche Künstler entwarfen Gegendarstellungen zu dieser kolonialen Instrumentalisierung.
Rezeption
In der Online-Ausgabe der Basler Zeitung hob Julia Konstantinidis die «mutige Entscheidung» hervor, die Ausstellung zu zeigen in «Zeiten, in denen Rechte der LGTBQ± Community durch autoritäre und konservative Bewegungen weltweit Rückschläge erleiden».[3]
Weil Homosexualität in über 60 Ländern immer noch kriminalisiert ist, sei historisches Bewusstsein umso wichtiger – allein das mache die oft überraschenden Bilder der „ersten Homosexuellen“ im Kunstmuseum Basel absolut sehenswert, schrieb Kathrin Hondl, Südwestrundfunk.[4]
Die ausgewählten Kunstwerke seien durchweg großartig, Kurator Katz’ langjährige Pionierleistung auf diesem kunsthistorischen Gebiet verdiene ausdrücklich Anerkennung, urteilte Axel Krämer auf Queer.de. Dennoch werfe der ideologische Überbau der Ausstellungskonzeption an manchen Stellen Fragen auf – weniger in den Ausstellungstexten als bei der Lektüre des Katalogs. Dies betreffe etwa den globalen Blick und die Einschätzung des Kolonialismus, auch seine These von einer historisch einzigartigen modernen Identität, die angeblich mit der Erfindung des Begriffs „homosexuell“ einhergegangen sei.[5]
«Wo bleibt die Rebellion?», fragte Sandro Weilenmann im Schweizer Onlinemagazin Republik. Queerness werde hier primär als subjektive Eigenschaft verstanden, die sich darstellen lasse, und weniger als Art des Verbindens und Denkens. «Es geht mehr um Sein als um Tun: Wir begegnen diesen Künstlerinnen als Trägerinnen einer voranschreitenden sozialen Bewegung hin zu mehr Sichtbarkeit, ohne dass bei der Widerständigkeit und der Rebellion der sexuellen Nichtkonformität verweilt wird.»[6]
Literatur
- Kunstmuseum Basel (Hrsg.): The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939. Ausstellungsbroschüre zur Ausstellung im Kunstmuseum Basel, 7. März–2. August 2026. Basel: Kunstmuseum Basel, 2026
Weblinks
- The First Homosexuals, Kunstmuseum Basel
- 10 Key Works in “The First Homosexuals: The Birth of a New Identity, 1869-1939”, ArtNews, 9. Juni 2026
Einzelnachweise
- ↑ Rejected by Museums Around the World, This New Art Exhibition Explores the Historical Roots of the Term ‘Homosexual’. In: Smithsonian Magazine. 15. Mai 2025, abgerufen am 2. Juni 2026.
- ↑ How “The First Homosexuals” Shaped an Identity. In: The New Yorker. 15. Juli 2025, abgerufen am 2. Juni 2026.
- ↑ Julia Konstantinidis: Neue Ausstellung zeigt erstmals Kunst unter dem Blick queeren Begehrens. bazonline.ch, 5. März 2026, abgerufen am 2. Juni 2026.
- ↑ Kathrin Hondl: Ausstellung „The First Homosexuals“ in Basel: Queere Codes und Kunst im 19. Jahrhundert. SWR, 9. März 2026, abgerufen am 2. Juni 2026.
- ↑ Axel Krämer: Die ersten Homosexuellen? Kunst, Begriffe und offene Fragen in einer Schau in Basel. Queer.de, 7. März 2026, abgerufen am 2. Juni 2026.
- ↑ Sandro Weilenmann: Inventur der Identitäten. Republik.ch, 17. März 2026, abgerufen am 2. Juni 2026.
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