Usegua

Usegua (auch Uhsseguha, Useguha, Usigua oder Usiguha) ist eine historische Landschaft und ein Siedlungsraum im Küstenhinterland der ehemaligen Kolonie Deutsch-…

Usegua

Usegua (auch Uhsseguha, Useguha, Usigua oder Usiguha) ist eine historische Landschaft und ein Siedlungsraum im Küstenhinterland der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Die Region erlangte besondere Bedeutung, da hier im Jahr 1884 die deutsche Kolonialherrschaft ihren Anfang nahm. Das Gebiet des ehemaligen Useguas liegt im nördlichen Teil der heutigen Verwaltungsregion Pwani. Stellenweise tangiert es auch die Regionen Morogoro und Tanga.

Geografie und Geologie

farbige Landkarte mit einem Teil der Küste und es Hinterlandes des heutigen Tansanias
Historische Karte von Usegua und Nachbarregionen mit Reiserouten, 1890

Die Landschaft Usegua lag im Norden der heutigen Region Pwani. Sie umfasste ein savannenartiges Terrassenhügelland mit einer Fläche von etwa 16.800 Quadratkilometern.[1] Der Siedlungsraum der namensgebenden Wasegua erstreckte sich vom Fluss Pangani im Norden (nach anderer Quelle vom Fuß der Usambara-Berge) bis in die Nähe des Uluguru-Gebirges im Süden.[2][3.1] Im Osten grenzte sie an den schmalen Küstenstreifen (Mrima), im Süden und Westen an das Nguru-Gebirge und die Massaisteppe. Die im Südosten gelegenen, kleineren Landschaften Udoë und Ukuere (oder Ukwere) wurden mal als Teil Useguas und mal als Enklaven oder Nachbargebiete beschrieben.[3.2] Bereits eine historische Quelle gibt einen Hinweis auf die ethnologische Veränderlichkeit und Uneindeutigkeit dieser geografischen Eingrenzung:

„Die Grenzen der auf der Karte eingetragenen Landschaften können absolut keinen Anspruch auf Exaktheit machen, denn sie sind nicht durch politische Verhältnisse geschaffen, sondern von den jeweiligen Reisenden als der Umfang einer annähernd einheitlichen Bevölkerung bezeichnet worden, und zwar entweder nach eigener Erfahrung oder auf Grund von Erkundigungen. Die Bevölkerung selbst aber ist, namentlich an den Grenzgebieten, stark fluctuirend, und was vor zehn Jahren vollkommen correct angegeben wurde, kann heutzutage in demselben Maße ungültig sein.“

Brix Förster: Deutsch-Ostafrika: Geographie und Geschichte der Colonie[3.1]

Topografisch steigt das Land von der Küste her terrassenförmig an: Eine erste, etwa 75 Kilometer breite Terrasse liegt auf 250–330 Metern über dem Meeresspiegel, gefolgt von einer zweiten, 20 Kilometer breiten Stufe auf 330–770 Metern über dem Meeresspiegel. Die Küste ist kaum gegliedert und galt wegen Korallenriffen als schwer zugänglich.[4]

Wichtige Erhebungen sind der Gendagenda (circa 700 Meter) und der Pongwe (circa 750 Meter). Das Land wurde maßgeblich durch die Flüsse Pangani, Wami, Msangassi und Mligasi und Garengere, einem Nebenfluss des Ruvu, entwässert, wobei letzterer die Grenze zwischen den ehemaligen Bezirken Pangani und Bagamoyo bildete.[2] Während vor allem der Norden unter Trockenheit litt, wurde von einer hohen Fruchtbarkeit in den Flusstälern berichtet.[4][5]

Geologisch galt Usegua als ein Vorland aus krystallinischen Gesteinen mit Streichen in Nord-Süd-Ausrichtung. Am mittleren Wami wurde Basalt vermutet.[6]

Gebirge um Usegua (Eastern Arc Mountains)
Nguu Usambara
Nguru Indischer Ozean
Ukaguru
Rubeho
Uluguru

Geschichte

Schwarz-weiß-Bild eines Hauses mit Personengruppe und einem Hund
Haupthaus der Missionsstation Mandera (Illustration von Stanisław Janowski, um 1892)

Ein bedeutendes historisches Zentrum war die befestigte Stadt Simbamwenni (heute Morogoro), die von einem Mann namens Kisabengo gegründet worden sein soll, der das Reich von Uluguru begründete.[7.1] Laut Quellen aus dem 19. Jahrhundert eroberte Kisabengo, der vor dem Sultan von Sansibar geflohen war, das Gebiet von der Volksgruppe der Wakami und errichtete eine durch Mauern und Türme geschützte Stadt. Nach seinem Tod übernahm seine älteste Tochter seine Nachfolge.[5] In der Kolonialzeit bestanden in der Region zudem die französische Missionsstation Mandera.[8] Quellen aus der deutschen Kolonialzeit nennen Saadani (spätere: Pangani) als Hauptort.[4][1]

Im November 1884 durchreiste Carl Peters zusammen mit Joachim von Pfeil, Karl Ludwig Jühlke und August Otto die Landschaft.[9] Das Ziel dieser Expedition waren sogenannte Schutzverträge mit Lokalherrschern, um Land für die Gesellschaft für deutsche Colonisation (die spätere Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, DOAG) zu erwerben.[10] Am 19. November kamen sie nach Usegua und besiegelten die mit dem Herrscher Mbuela vereinbarte Landabtretung durch eine Flaggenhissung.[11] Als die Gesellschaft wenige Tage danach mit einem Herrscher des Nachbargebiets Nguru eine ähnliche Vereinbarung schloss, nannte sie sich bereits Herrin von Useguha.[12.1][7.2] Am 8. Januar 1885 meldet Peters während der Rückreise aus Bombay, dass er drei Viertel Useguas „rechtsgültig“ erworben habe.[7.3] Zurück in Deutschland wurde am 27. Februar 1885 für Usegua und drei benachbarte Landschaften ein kaiserlicher Schutzbrief ausgestellt. Dies gilt als Beginn der deutschen Kolonisation Ostafrikas.

Die Geschichtsschreibung bewertet die Art und Umstände der Inbesitznahme heute kritisch: Peters inszenierte die Vertragsunterzeichnungen mit militärischem Pomp, Alkohol und Salutschüssen, um Stärke zu demonstrieren und einzuschüchtern.[13] Im Gegenzug bot er geringe Geschenke und vage Schutzversprechen.[14] Dabei war die Gültigkeit dieser Verträge schon nach damaligem Recht zweifelhaft.[15] Die lokalen Herrscher wurden in den Verträgen oft willkürlich als Sultane mit absoluter Verfügungsgewalt über Gebiete eingesetzt, um die Landabtretungen formal zu legitimieren. In Wahrheit waren es meist „Dorfschulzen“.[16.1] Der echte Sultan residierte in Sansibar, hieß Barghasch ibn Said und protestierte entschieden gegen die Landnahme.[16.2] Der an Usegua unmittelbar angrenzende schmaler Küstenstreifen zählte bis 1888 nicht zum deutschen Schutzgebiet, sondern blieb formal unter der Oberherrschaft Sansibars. Nachdem die DOAG auch hier die Kontrolle übernommen hatte, wurde Usegua infolge des Aufstands der Küstenbevölkerung verwüstet, der 1890 mit dem Sieg der deutschen Kolonisatoren endete.[7.4]

Der deutsche Leutnant Claus von Anderten gründete im Juli 1886 die Station Petershöhe auf einem Hügel an einem Zufluss des Wami im Süden Useguas. Hier wollte die DOAG landwirtschaftliche Versuche durchführen und die Handelsstraße zwischen Saadani und Mpwapwa kontrollieren, was jedoch den Widerstand des lokalen Machthabers in Saadani hervorrief. Anderten wurde durch zwei Landwirte abgelöst, die mit Hilfe Einheimischer elf Morgen Land bestellten. Die für den Export bepflanzte Fläche war aber deutlich kleiner und die wirtschaftlich relevante Ernte von 1887 bestand lediglich in einigen Baumwollproben. Erfolgreicher war hingegen die DOAG-Pflanzung Kikogwe (auch Kikokwe) bei Pangani im äußersten Norden Useguas. Auch die Deutsch-Ostafrikanische Plantagengesellschaft, ein Tochterunternehmen der DOAG, war in Usegua aktiv und betrieb nahe Petershöhe die Plantage Mbusini.[7.5] Schon zur deutschen Kolonialzeit wurde Usegua unter den Bezirken Bagamojo, Morogoro und Pangani aufgeteilt.

Bevölkerung

Landkarte eines Abschnitts der Küste und eines Teils des Hinterlandes im heutigen Tansania
Siedlungsgebiet der Wasegua (rot unterstrichen) auf einer deutschen Karte aus der Zeit um 1900

Die Bewohner der Landschaft waren die Wasegua (auch Waseguha, Wasigua oder Zigula), ein zu den Bantu gehörendes Volk.[4][8] Quellen aus dem frühen 20. Jahrhundert geben die Bevölkerungszahl mit etwa 74.000 Personen an. Dazu kamen noch etwa 1.000 Afrikaner aus anderen Regionen und nur wenige Europäer. Die Bevölkerungsdichte betrug etwa 4,5 Einwohner pro Quadratkilometer.[2] Die Siedlungsschwerpunkte lagen mit 54.000 Menschen im Norden des Gebiets. Wichtige Orte waren der Hafenplatz Saadani und die ehemalige Hauptstadt Simbamwenni, deren Einwohnerzahl um 1900 auf 3.000 bis 5.000 Menschen geschätzt wurde.[5] Gegen Ende der 1880er-Jahre hatten die Wasegua ihr traditionelles Siedlungsgebiet erheblich überschritten: Bis nach Usambara bestanden Wasegua-Kolonien.[7.1] Laut einer zeitgenössischen Quelle versetzte sie die Verwendung von Feuerwaffen in die Lage, die Bewohner Usambaras, die Wasambara, vom nördlichen Ufer des Pangani in die Berge zu vertreiben.[3.3] Abgesehen vom teilsouveränen Udoë und der von Sansibar verwalteten Mrima-Küste, waren in Useguha die größten politischen Einheiten einzelne Dorfschaften.[3.4][12.2]

Fauna und Flora

Die Vegetation Useguas wurde überwiegend als Buschland, Grassteppe oder lichter Trockenwald charakterisiert.[2] Von üppigem Pflanzenwuchs berichtet die zeitgenössische Literatur hinsichtlich der Flusstäler.[8] Während der Nordosten aufgrund der dichten Besiedlung als wildarm galt, sollen im wasserreicheren Südwesten und in der Nähe des Gendagendaberges zur Kolonialzeit zahlreiche Antilopen gelebt haben.[2] Zudem beheimatete die Region an den Flüssen Löwen, Leoparden, Wildschweine und Affen.[8]

Wirtschaft

Die Grundlage der heimischen Wirtschaft bildeten Ackerbau, Viehzucht und der Tabakhandel.[7.6][4] Angebaut wurden vor allem:[2][8][1]

Ein früher bedeutender Reisbau um Simbamwenni wurde historischen Berichten zufolge aufgrund von Aberglauben aufgegeben.[5] Die Viehzucht war insbesondere im Norden hoch entwickelt: im Jahr 1911 wurden im Bezirk Pangani allein 41.000 Rinder sowie über 79.000 Schafe und Ziegen gezählt. Von dort aus fand ein bedeutender Export von Schlachtvieh nach Sansibar statt.[2]

Literatur

  • Usegua. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 16, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 24–letzte Seite.
  • Jutta Bückendorf: „Schwarz-weiss-rot über Ostafrika!“: Deutsche Kolonialpläne und afrikanische Realität. LIT-Verlag, Münster 1997, ISBN 3-8258-2755-0.
Commons: Usegua – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c Verlag Herder (Hrsg.): Der kleine Herder. Nachschlagebuch über alles für alle. 2. Auflage, Halbband 2: L–Z, Herder & Co. GmbH Verlagsbuchhandlung. Freiburg im Breisgau 1926, S. 1396.
  2. a b c d e f g Carl Uhlig: Usigua. In: Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon. Band 3: P–Z, Quelle & Meyer, Leipzig 1920, S. 593.
  3. Brix Förster: Deutsch-Ostafrika: Geographie und Geschichte der Colonie. Brockhaus, Leipzig 1890 (Digitalisat der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Digitalisat gutenberg.org).
    1. a b S. 136
    2. S. 136ff.
    3. S. 140
    4. S. 141
  4. a b c d e Autorenkollektiv: Brockhaus Konversations-Lexikon. 14. Auflage, Band 16: Turkestan–Zz, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien 1903, S. 137 (Digitalisat der Bauhaus-Universität Weimar).
  5. a b c d Paul Heichen: Afrika Hand-Lexikon. Band 3, Gressner & Schramm, Leipzig 1885, S. 1308 (Digitalisat der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).
  6. Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach: Die Geologie der deutschen Schutzgebiete in Afrika. R. Oldenbourg, München und Leipzig 1896, S. 33.
  7. J. Bückendorf: „Schwarz-weiss-rot über Ostafrika!“ …. LIT, Münster 1997.
    1. a b S. 25
    2. S. 205
    3. S. 210
    4. S. 405
    5. S. 308 ff.
    6. S. 305
  8. a b c d e Useguha. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 19: Sternberg–Vector. Bibliographisches Institut, Leipzig / Wien 1909, S. 976 (Digitalisat. zeno.org).
  9. Michael Pesek: Eine Gründungszene des deutschen Kolonialismus – Peters’ Expedition nach Usagara, 1884. In: Marianne Bechhaus-Gerst, Reinhard Klein-Arendt (Hrsg.): Die (koloniale) Begegnung – AfrikanerInnen in Deutschland 1880–1945, Deutsche in Afrika 1880–1918. Peter Lang, Frankfurt a. M./Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oxford/Wien 2003, ISBN 978-3-6313-9175-4, S. 255–267.
  10. Hans-Georg Steltzer: Die deutschen und ihr Kolonialreich. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-7973-0416-1, S. 55 f.
  11. Carl Peters, Frank Walter (Hrsg.): Gesammelte Schriften. Beck, München und Berlin 1943, S. 301, 495 (Digitalisat der Freien Universität Berlin).
  12. Kurt Büttner: Die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik in Ostafrika. Eine kritische Untersuchung anhand unveröffentlichter Quellen. Akademie-Verlag, Berlin 1959.
    1. S. 120
    2. S. 74
  13. Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte. 2. Auflage. Siedler, München 2019, ISBN 978-3-8275-0110-3, S. 34.
  14. Gisela Graichen, Horst Gründer: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma. 4. Auflage. Ullstein, Berlin 2005, ISBN 978-3-550-07637-4, S. 283.
  15. Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte. Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-15-017047-2, S. 29 f.
  16. Hans-Ulrich Wehler: Bismarck und der Imperialismus. 4. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, ISBN 3-423-04187-0.
    1. S. 341
    2. S. 345

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