Bratananium

Bratananium war der Name einer vermuteten frühkaiserzeitlichen römischen Straßenstation und einer nachgewiesenen mittelkaiserzeitlichen Zivilsiedlung (Vicus)…

Bratananium
Schematische Lage der römischen Befunde im Raum Gauting
Bratananium auf der Tabula Peutingeriana

Bratananium war der Name einer vermuteten frühkaiserzeitlichen römischen Straßenstation und einer nachgewiesenen mittelkaiserzeitlichen Zivilsiedlung (Vicus) auf dem Gebiet der oberbayerischen Gemeinde Gauting im Landkreis Starnberg.

Lage, Quellen und Forschungsgeschichte

Die ehemalige römische Ansiedlung befand sich im Tal der bis zu 45 m tief in das Gelände eingeschnittenen Würm, das sich bei Gauting auf rund 800 m Breite ausweitet und auf 15 m verflacht, wodurch sich eine gute Möglichkeit zur Querung des Flusses ergab. Die vorrömische Besiedlung in dieser Gegend reicht über Latènezeit und Hallstattzeit bis in die Bronzezeit zurück. In der Antike mündete dort die von Brigantium (Bregenz) über Cambodunum (Kempten) beziehungsweise von Parthanum (Garmisch-Partenkirchen) heranführende römische Straße in die Fernstraße, die von Iuvavum (Salzburg) nach Augusta Vindelicum (Augsburg) verlief. Diese Straßensituation ist durch zahlreiche archäologische Funde belegt (siehe unten im Abschnitt Denkmalschutz). Auf der Tabula Peutingeriana, der mittelalterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte, ist Bratananium an der Fernstraße von Iuvavum nach Augusta Vindelicum als Straßenstation mit der Bezeichnung Bratananio eingetragen.[1][2]

Die römische Vergangenheit Gautings wurde erst in den 1930er Jahren entdeckt. Bis in die 1990er Jahre kam es jedoch zu keinen planmäßigen Ausgrabungen. Alle Erkenntnisse aus dieser Zeit stammen von Notbergungen, die zumeist der örtliche Heimatpfleger Wolfgang Krämer durchführte. Erst in Folge zunehmender Bebauung ab den 1990er Jahren kam es zu regelmäßigen und systematischen Ausgrabungen.[1][2]

Archäologische Befunde, Funde und Hypothesen

Der Vicus erstreckte sich beidseitig der Würm, wobei sich der Schwerpunkt eindeutig auf der westlichen Seite befand, östlich des Flusses konnte nur ein einzelnes Haus identifiziert werden. Im Westen wurden seine Spuren auf einer Strecke von bis zu 800 m zu beiden Seiten der heutigen „Reismühler Straße“ gefunden, mit einem Schwerpunkt von rund 350 m Länge zwischen „Marienstraße“ und „Luisenstraße“.[3]

Die ältesten Funde und Befunde im Zentrum konnten auf die tiberische Zeit datiert werden und wurden einer möglichen Militärstation zugeschrieben. Ab der flavischen Zeit expandierte der Vicus, die Gebäude wurden größer und auch häufiger in Stein ausgeführt, was auch für die typischen Streifenhäuser gilt. Ab dem Ende des ersten und während des zweiten Jahrhunderts wurden größere, vermutlich öffentliche Steingebäude errichtet. So entstand westlich der „Reismühler Straße“ eine Thermenanlage und um das Jahr 100 östlich derselben Straße ein größerer, 18,5 m mal 34,5 m (= 638,25 m²) messender Gebäudekomplex, der als Markthalle interpretiert wurde. Südlich davon wurde eine 16 m mal 14 m (= 224 m²) große Mansio (Herberge) errichtet, die zusammen mit der Markthalle einen Platz umgab, der als Marktplatz angesprochen wurde. Neben den Steinbauten existierten aber, auch im zentralen Bereich, weiterhin Holz- und Fachwerkgebäude. Töpferöfen und die Funde von Metallresten und -schlacken zeugen von entsprechenden handwerklichen Tätigkeiten. Nördlich des Vicus' konnte ein separates Handwerkerviertel mit Werkplätzen nachgewiesen werden.[4] Zweimal wurde die Siedlung durch Schadfeuer zerstört, um 140 und Anfang der 170er Jahre, jedoch jedes Mal wieder aufgebaut. Ein beeindruckendes Zeugnis der zweiten Brandkatastrophe ist das niedergebrannte Depot eines Keramikhändlers, in dem die Scherben von rund 240 Krügen, davon 40 vollständige Exemplare geborgen wurden. Aber noch für die Zeit um 270/280 konnten Reparaturmaßnahmen an der Mansio nachgewiesen werden, so dass das Ende des Vicus' nicht vor dem Ende dritten Jahrhunderts erfolgt sein kann. Die Besiedlungsverhältnisse des 4. Jahrhunderts sind jedoch unklar, auch wenn südlich bei Königswiesen noch spätkaiserzeitliche Siedlungsspuren gefunden wurden.[5]

Die Gräberfelder Bratananiums befanden sich nördlich und südlich des Vicus. Das nördliche Gräberfeld lag südlich der heutigen „Bahnhofstraße“ im Bereich des „Rathausplatzes“.[6] Es war beim Neubau des Rathauses entdeckt worden. Einzelne Gräber fanden sich auch noch im Nordosten, im Eckbereich „Frühlingstraße“/„Buchendorfer Straße“.[7] Das südliche Gräberfeld wurde in den landwirtschaftlich genutzten Flächen südlich der „Hedwigstraße“ und nördlich der „Leutstettener Straße“ lokalisiert.[8] Alle Bestattungen datierten von der flavischen Zeit bis ins 3. Jahrhundert hinein.[1][2]

Denkmalschutz

Die römischen Anlagen vom Mühlthal sind zum größten Teil als registrierte Bodendenkmale unter verschiedenen Aktenzeichen nach dem Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler (Bayerisches Denkmalschutzgesetz – BayDSchG) eingetragen. Im Einzelnen sind dies:

  • Siedlung und Handwerksplatz, Aktenzeichen D-1-7934-0206[9]
  • Siedlungsspuren nördlich des Vicus, Aktenzeichen D-1-7934-0280[10]
  • Siedlungsspuren nordöstlich des Vicus, Aktenzeichen D-1-7934-0205[11]
  • Vicus Bratananium, Aktenzeichen D-1-7934-0002[12]
  • Siedlung der späten Kaiserzeit bei Königswiesen, Aktenzeichen D-1-7934-0083[13]
  • Brand- und Körpergräberfeld, Aktenzeichen D-1-7934-0201[14]
  • Brandgräberfeld, Aktenzeichen D-1-7934-0005[15]
  • Körpergräber, Aktenzeichen D-1-7934-0035[16]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0006[17]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0193[18]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0145[19]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0007[20]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0301[21]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0147[22]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0302[23]
  • Straßenabschnitt, Aktenzeichen D-1-7934-0148[24]

Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind dort erlaubnispflichtig, Zufallsfunde sind den Denkmalbehörden anzuzeigen.

Literatur

  • Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 390 f.
  • Michael Egger: Ein keltisch-römischer Kultplatz in Gauting, Landkreis Starnberg, Oberbayern. In: Das archäologische Jahr in Bayern, Jahrgang 1984, Theiss, Stuttgart 1985, S. 90–92 (Digitalisat).
  • Michael Egger: Ikonographisches zur römischen Standarte von Gauting. Neue Aspekte und Perspektiven. In: Dedicatio. Hermann Dannheimer zum 70. Geburtstag (= Kataloge der prähistorischen Staatssammlung 5), 1999, S. 98–115.
  • Ulrike Ehmig: Die Amphorenfunde aus dem römischen Gauting, Landkreis Starnberg. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 80, 2015, S. 155–168.
  • Julius Fagner: Das römische Krugdepot in Gauting. Die Grabungen von 1930 und 2015/16. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege, Band 63, Jahrgang 2022, S. 57–166.
  • Sylvia Fünfschilling: Glasgefäße und Glasobjekte aus dem römischen Gauting, Landkreis Starnberg. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 81, 2016, S. 53–146.
  • Robert Ganslmeier, Stephan Brackmann, Ingrid Jütting: Ausgrabungen im römischen Vicus von Gauting. In: Das Archäologische Jahr in Bayern, 1996 (1996), S. 125–127.
  • Hansjörg Hägele: Ein römischer Augensalbenstempel aus Gauting. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 43/44, 2002/2003, S. 201–207.
  • Hansjörg Hägele: Römische Münzen aus Gauting. Likias, Friedberg 2016.
  • Erwin Keller: Gauting, Lkr. Starnberg, Obb. Ansiedlung Bratananium. In: Wolfgang Czysz et al. (Hrsg.): Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 447 f.
  • Renate Miglbauer: Die römischen Reibschüsseln aus Bratananium/Gauting. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 82, 2017, S. 139–170.
  • Stefan Mühlemeier: Grabungen im Zentrum des römischen Gauting. Landkreis Starnberg, Oberbayern. In: Das Archäologische Jahr in Bayern, 1999 (1999), S. 68–70.
  • Stefan Mühlemeier: Das römische Gauting – Von der Straßenstation zum Handelsort. In: Ludwig Wamser, Bernd Steidl (Hrsg.): Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns. Kolloquium Rosenheim 14.–16. Juni 2000 (= Schriftenreihe der Archäologischen Staatssammlung 3), München 2002, S. 61‒66.
  • Stefan Mühlemeier, Kay Ehling: Relikte eines römischen Feinschmieds in Gauting In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 43/44, 2002/2003, S. 191–200.
  • Stefan Mühlemeier: Die aktuelle Topographie des römischen Gauting. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 70, 2005, S. 159–168.
  • Michael Müller-Karpe: Ein römisches Gebäude in Gauting (Oberbayern). In: Germania 30, 2, 1952, S. 268–271 (Digitalisat).
  • Stefan Pfahl: Ein griechischer Graffito aus Gauting, Lkr. Starnberg (Oberbayern). In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 88, 2023, S. 173–176.
  • Paul Reinecke: Zum römischen Gauting. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 18/19, Heft 2, 1951/1952, S. 195 ff.
  • Paul Reinecke: Zur Geschichte von Bratananium. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 22, 1957, S. 96–99.
  • Valeria Selke: Die römischen Fibeln aus Bratananium/Gauting. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 80, 2015, S. 87–154.
  • Valeria Selke, Gertrud Platz-Horster: Römische Fibeln und Schmuck aus Gauting. Likias, Friedberg 2019, ISBN 978-3-9820130-4-6, (Verlagspräsentation mit Leseprobe).
  • Ingeborg Schöchlin: Zur Topographie des römischen Gauting. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 33, 1968, S. 123–126.
  • Günter Ulbert: Das römische Gauting. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission des DAI, 46‒47, 1968, S. 79 ff.
  • Hans-Peter Volpert: Anschluss gefunden – Untersuchungen am römischen Tonkruglager in Bratananium-Gauting. In: Das Archäologische Jahr in Bayern, 2016 (2017), S. 82–84.
  • Norbert Walke, Irmingard Walke, Günter Ulbert: Reliefsigillata von Gauting. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission des DAI, 46/47, 1965/1966, S. 89 ff.

Einzelnachweise

  1. a b c Erwin Keller: Gauting, Lkr. Starnberg, Obb. Ansiedlung Bratananium. In: Wolfgang Czysz et al. (Hrsg.): Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 447 f.
  2. a b c Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 390 f.
  3. Vicus Bratananium weitläufig um 48° 3′ 38″ N, 11° 22′ 36,5″ O
  4. Handwerkerviertel weitläufig um 48° 4′ 0″ N, 11° 22′ 59,75″ O
  5. Spätkaiserzeitliche Siedlung um 48° 3′ 13″ N, 11° 21′ 53,5″ O
  6. Nördliches Gräberfeld weitläufig um 48° 4′ 0,5″ N, 11° 22′ 41,5″ O
  7. Gräber bei 48° 3′ 51″ N, 11° 23′ 20″ O
  8. Südliches Gräberfeld um 48° 3′ 28″ N, 11° 22′ 23″ O
  9. Bodendenkmal D-1-7934-0206 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  10. Bodendenkmal D-1-7934-0280 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  11. Bodendenkmal D-1-7934-0205 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  12. Bodendenkmal D-1-7934-0002 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  13. Bodendenkmal D-1-7934-0083 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  14. Bodendenkmal D-1-7934-0201 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  15. Bodendenkmal D-1-7934-0005 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  16. Bodendenkmal D-1-7934-0035 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  17. Bodendenkmal D-1-7934-0006 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  18. Bodendenkmal D-1-7934-0193 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  19. Bodendenkmal D-1-7934-0145 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  20. Bodendenkmal D-1-7934-0007 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  21. Bodendenkmal D-1-7934-0301 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  22. Bodendenkmal D-1-7934-0147 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  23. Bodendenkmal D-1-7934-0302 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  24. Bodendenkmal D-1-7934-0148 im Denkmalatlas Bayern, abgerufen am 12. Juni 2026.

Koordinaten: 48° 3′ 38″ N, 11° 22′ 36,5″ O

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