SIA 7B

Die SIA 7 war das erste vollständig in Italien entwickelte und gebaute Kampfflugzeug. Sie kam im Ersten Weltkrieg vom Herbst 1917 bis Juli 1918 als Aufklärung…

SIA 7B

Die SIA 7 war das erste vollständig in Italien entwickelte und gebaute Kampfflugzeug. Sie kam im Ersten Weltkrieg vom Herbst 1917 bis Juli 1918 als Aufklärungsflugzeug beim Corpo Aeronautico Militare zum Einsatz, stand aber auch bis zu ihrer Ablösung für einen der größten Luftfahrtskandale der italienischen Militärluftfahrt.

Società Italiana Aviazione Italiana (SIA)

Mit dem Kriegseintritt Italiens rechnete die Turiner Automobilfirma Fiat mit einem enormen Bedarf der italienischen Streitkräfte an einer eigenständigen Luftfahrtindustrie und gründete 1916 die Società Italiana Aviazione (SIA) in Turin. Deren Einstieg in den Flugzeugbau bildete der lizenzbasierte Nachbau der französischen Farman M.F.11 durch die Reihe der Savoia-Pomilio S.P.-Typen. Dabei teilte SIA sich deren Produktion mit der ebenfalls neugegründeten, von Major Umberto Savoia and Leutnant Ottorino Pomilio geleiteten Turiner Fabbrica Aeroplani Ing. O. Pomilio. Damit entstand die Savoia-Pomilio S.P.2, ein Aufklärungs- und Bombenflugzeug mit drei Seitenrudern und einer Rumpfgondel, die im Bug die zweiköpfige Besatzung und im Heck den Schubmotor mit Druckpropeller beherbergte. Von diesem Typ wurden etwa 300 Stück ausgeliefert und bis Anfang 1917 zwölf Squadriglie des Corpo Aeronautico an der Front ausgerüstet.

SIA Typ.7 – Entwicklung

Als Ergebnis schufen die Ingenieure Savoia und Verduzio einen Doppeldecker mit sperrholzverkleidetem Rumpf mit Metallgerippe, in dessen langgezogenen Cockpit vorn der Platz des Piloten und dahinter der des Beobachters vorgesehen war. Die Doppeldecker-Tragflächen besaßen die gleiche Länge und waren durch zwei Draht-verspannte Strebenpaare miteinander verbunden. Die Bewaffnung sollte dem damaligen Standard entsprechend aus einem beweglichen 6,5 mm Revelli-MG für den Beobachter und einem ab der oberen Tragfläche montierten, starr nach vorn gerichteten zweiten Revelli-MG für den Piloten bestehen. Zusätzlich konnten bis zu 60 kg Bomben mitgeführt werden.[1]

Während die Produktion der Pomilio S.P.-Typen mit der S.P.2 anlief hatte sich längst abgezeichnet, dass die Zeiten der untermotorisierten und schwerfälligen Gitterrümpfe vorbei und deren Ablösung überreif waren. Daher beauftragte die Direzione Tecnica della Aviazione Militare (DTAM) eine Arbeitsgruppe aus Fachleuten unter Beteiligung des Fiat-Ingenieurs und designierten Technischen Direktors Mario Torretta und seines Ingenieurkollegen Carlo Maurilio Lerici7B,[2] ein modernes neues Kampfflugzeug zu entwerfen. Das Team wandte sich dabei wie Frankreich und Großbritannien dem Konzept des Rumpfdoppeldeckers mit im Bug angebrachtem Motor und Zugpropeller zu und konzipierte ein Mehrzweckflugzeug, das den gestiegenen Frontanforderungen in puncto Geschwindigkeit und Zuladung sowohl als Bomber als auch als Aufklärer genügen sollte.

Der technischen Abteilung der SIA traute man nach den Bau von Farman-Kopien genügend Erfahrungen im Flugzeugbau gesammelt zu haben, um ihr den Bau eines Prototyps anzuvertrauen. Bei der Erprobung des als SIA 7B bezeichneten Flugzeugs wurden gute Steuerbarkeit und hohe Geschwindigkeiten im Horizontal- wie im Steigflug testiert, und so erteilte das Kriegsministerium die Freigabe zur Serienproduktion, gefolgt von Bestellungen, die sich auf über 500 Flugzeuge summierten.

Die Hoffnungen stiegen, da der Typ während der Erprobung spektakuläre Leistungen zeigte:

  • Aufsehen erregte der Fliegeroffizier und Testpilot der Direzione Tecnica della Aviazione Militare Marquese Giulio Laureati mit einem Nonstop-Flug Turin–Neapel–Turin. Dazu startete Laureati am 15. August 1917 mit seiner SIA 7B um 10:07 h in Mirafiori, kurvte um 14:30 h über Neapel und landete um 20:40 wieder in Mirafiori; insgesamt legte er die 1.400 km lange Flugstrecke nonstop in nur 10:33 h zurück.
  • Auch mit seinem 1.200 km langen Non-Stop-Flug Turin­–London vom 24. September 1917 bewies Capitano Laureati die Eignung des Flugzeugs für Langstreckeneinsätze.[3]
  • Außerdem erzielte Marquese Laureati am 14. Dezember 1917 einen italienischen Höhenflugrekord, als er mit seiner SIA 7B eine Flughöhe von 6.750 m erreichte.[1]

Nach Kriegseintritt der USA im April 1917 untersuchte auch das US-Signal-Corps Flugzeuge europäischer Firmen hin auf deren Einsatztauglichkeit, weshalb zwei SIA 7B in die Vereinigten Staaten verschifft wurden. Zur erhofften Massenproduktion in den USA kam es aber nicht. Immerhin beschafften die US-Streitkräfte vor Ort in Italien 19 Flugzeuge zur Pilotenschulung der American Expeditionary Forces (A.E.F.) in Italien.[4]

Einsatz

Kurz nachdem im November 1917 die ersten SIA 7B an die Front gelangt waren und die Fertigung auf Hochtouren anlief, häuften sich plötzliche Unfälle. Ursache war die mangelhafte Befestigung der unteren Tragflächen am Rumpf, die zum Abbrechen und zum Absturz führen konnte.[3] Zudem klagten die Besatzungen über die schlechte Sicht aus dem Cockpit.[5] Abhilfe sollte die im Dezember 1917 vorgestellte verbesserte Version SIA 7B.2 mit verstärkten Flügeln, leicht erhöhten Cockpits und stärkerem Motor bringen, von der ab Mai 1918 noch 71 Exemplare zum Einsatz kamen. Trotz Nachbesserung und zwischenzeitlicher Untersuchung durch eine Regierungskommission blieb aber das Problem aus Konstruktionsfehlern und mangelhafter handwerklicher Verarbeitung ungelöst. Die Fronteinheiten waren gezwungen, die SIA 7B.2 weiter zu fliegen,[6][7] und schließlich forderte der Oberbefehlshaber des Corpo Aeronautico General Bongiovanni der SIA 7B,[2] die nun soweit möglich ersatzweise durch SAML S-Typen, die unbeliebten Pomilio-PEs und andere ersetzt werden mussten.[6][7] Im März 1918 erfolgte die Einstellung der Produktion der SIA 7B und im Juli 1918 der endgültige Abzug aus dem Fronteinsatz und deren Abschub und Aussonderung.

SIA Typ 9B

Als letzte Variante erschien im November 1917 die von den Ingenieuren Mario Torretta und Carlo Maurilio Lerici7B[2] die SIA 9 mit dem einem 700 PS Fiat A.14 Reihenmotor, der den Transport einer Bombenlast von bis zu 350 kg ermöglichte. Von der SIA 9 wurden ab Februar 1918 noch 62 Stück an drei Staffeln der Regia Marina ausgeliefert.[3]

SIA/Fiat Typ R.2

Fiat (SIA) R.2

Angesichts des Skandals um die SIA beschloss der Mutterkonzern, die Tochterfirma aufzulösen und als Abteilung Fiat Aviazione den Flugzeugbau in den Konzern zu integrieren.

Für das letzte noch unter der Tochtergesellschaft SIA geplante Modell übernahmen nun die FIAT-Ingenieure Celestino Rosatelli und Miro Gamba die Verantwortung. Die Arbeit an der als Aufklärer konstruierten verkleinerte Version der SIA 7B lief nun mit Namensbezug auf Rosatelli als Fiat R.2 weiter.

Fiat konzentrierte sich bis Kriegsende nahezu ausschließlich auf den Bau dieses Typs. Bestellungen über 500 Stück liefen der Produktion zu. Ab Oktober 1918 wurden aber nur noch 129 Fiat R.2 ausgeliefert. Diese Flugzeuge befanden sich jedoch noch in der Vorserienphase und verursachten zahlreiche technische Probleme,[8] so dass wenn überhaupt nur wenige vor dem Waffenstillstand den Fronteinsatz erlebten. Die Erprobung von Nachbesserungen dauerte noch bis 1920. Danach blieb die Fiat R.2 noch bis 1924 als Bomber und Aufklärer im Dienst der Aeronautica Militare.[3] Einige wurden nach 1918 in die Türkei verkauft und nahmen dort auf türkischer Seite am Türkischen Befreiungskrieg 1919–1923 teil.[9][6]

Technische Daten

Kenngröße SIA 7B[5] SIA 9[10] SIA/Fiat R.2[9]
Besatzung 2 (Pilot und Beobachter/Schütze)
Länge 9,06 m 10,10 m 8,80 m
Spannweite 13,32 m 15,50 m 12,30 m
Höhe 3,00 m 3,30 m[1] 3,30 m
Flügelfläche 45,6 m² 66,00 m² 46,50 m²
Leermasse 1150 kg 1788 kg 1220 kg
Startmasse 1670 kg 2896 kg 1720 kg
Antrieb 300 PS Fiat A.12 bis Reihenmotor 700 PS Fiat A.14 Reihenmotor 300 PS Fiat A.12 bis Reihenmotor
Höchstgeschwindigkeit in NN 180 km/h 217 km/h 175 km/h
Höchstgeschwindigkeit in 2000 m Höhe 165 km/h 265 km/h
Steigrate 1,34 m/s
Steigzeit auf 1000 m 6 min 6:00 min[6]
Steigzeit auf 2000 m 14 min 7,5 min 14,5 min
Steigzeit auf 3000 m 23 min
Steigzeit auf 4000 m 38 min
Dienstgipfelhöhe 6000 m 4800 m
Reichweite 360 km 650 km 550 km
maximale Flugdauer 6:00 h
Bewaffnung 2 MG 6,5 mm, bis 60 kg Bomben 2–3 MG 6,5 mm, bis 350 kg Bomben 2–3 MG 7,7 mm
Erstflug Sommer 1917 Sommer 1917 November 1917
Einsatz ab November 1917[3] März – Juli 1918 Sommer 1917–1927
Stückzahl 572 62 138

Siehe auch

Literatur

  • Enzo Angelucci, Paolo Matricardi: Flugzeuge von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg. Wiesbaden 1976, ISBN 3-8068-0391-9.
  • James Fahey: Ships & Aircraft – U.S. Army Aircraft 1908–1946. (1st ed.). Fall Church, VA 1946.
  • C. G. Grey, Michael J. H. Taylor: Jane’s Fighting Aircraft of World War I. Random House Group Ltd., London 2001 [1990], ISBN 1-85170-347-0.
  • Kenneth Munson: Bomber, Überwachungs- und Aufklärungsflugzeuge 1914–1918. Orell-Füssli, Zürich 1969.
  • Heinz Nowarra: Die Entwicklung der Flugzeuge 1914–1918. Düsseldorf 1959.
  • Roberto Gentilli, Paolo Varriale: I Reparti dell'aviazione italiana nella Grande Guerra. AM Ufficio Storico, 1999.
  • Ovidio Ferrante: Il Corpo Militare Aeronautico nel 1918[collegamento interrotto]. In: Rivista Aeronautica. Nr. 2, 2008.
  • SIA 7B. In: Aerei da guerra, Ginevra – Edito Service S.A. Istituto Geografico De Agostini, Novara 1993.
Commons: SIA 7 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c Enzo Angelucci, Paolo Matricardi: Flugzeuge von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg. Wiesbaden 1976, ISBN 3-8068-0391-9.
  2. a b c Il Fronte del Cielo - Osservazione e Ricognizione - 7.5 - L'anno di Caporetto. In: www.ilfrontedelcielo.it. Abgerufen am 10. Juli 2026 (italienisch).
  3. a b c d e Kenneth Munson: Bomber, Überwachungs- und Aufklärungflugzeuge 1914–1918. Orell-Füssli, Zürich 1969.
  4. J. Davilla - Italian Aviation in the First World War. Vol.3: Aircraft M-W / Centennial Perspective. In: flyingmachines.ru. Abgerufen am 10. Juli 2026.
  5. a b SIA 7. In: www.airwar.ru. Abgerufen am 10. Juli 2026 (russisch).
  6. a b c d FIAT R2. In: flyingmachines.ru. Abgerufen am 10. Juli 2026 (russisch, englisch).
  7. a b SIA 7B / 7B2 / 8B. In: flyingmachines.ru. Abgerufen am 10. Juli 2026 (russisch).
  8. La Grande Guerra Aerea - 5.2 - 1918 - La Riorganizzazione. In: www.ilfrontedelcielo.it. Abgerufen am 10. Juli 2026 (italienisch).
  9. a b Fiat R.2. In: www.airwar.ru. Abgerufen am 10. Juli 2026 (russisch).
  10. Heinz Nowarra: Die Entwicklung der Flugzeuge 1914–1918. Düsseldorf 1959.

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