Serge Charchoune
Serge Charchoune (russisch Сергей Иванович Шаршун, wissenschaftliche Transliteration Sergej Ivanovič Šaršun; * 4. (16.) August 1888 in Bu…

Serge Charchoune (russisch Сергей Иванович Шаршун, wissenschaftliche Transliteration Sergej Ivanovič Šaršun; * 4. (16.) August 1888 in Buguruslan, Gouvernement Samara; † 24. November 1975 in Villeneuve-Saint-Georges bei Paris) war ein russisch-französischer Maler, Zeichner und Schriftsteller. Er entwickelte einen eigenständigen, als ornamentaler Kubismus bezeichneten Malstil.[1]
Leben
Serge Charchoune wurde 1888 in Buguruslan im Gouvernement Samara geboren. Seine Schwester war die Bildhauerin Vera Ivanovna Šaršun-Pomeranceva. Eine Aufnahme in die Kunstschule Kazan’ blieb ihm verwehrt. Von 1908 bis 1910 studierte er in Moskau bei Il’ja Ivanovič Maškov sowie in den Studios von Konstantin Fedorovič Juon und Ivan Osipovič Dudin. In dieser Zeit lernte er Michail Fedorovič Larionov, Natal’ja Sergeevna Gončarova und Aleksandr Eliseevič Kručenych kennen. Von 1910 bis 1912 leistete er Militärdienst, desertierte jedoch und gelangte über Polen und Berlin nach Paris. In Paris studierte er 1912 bis 1914 an der Académie Russe Libre und an der Académie La Palette, unter anderem bei Jean Metzinger, André Dunoyer de Segonzac und Henri Le Fauconnier. 1913 und 1914 stellte er im Salon des Indépendants aus. Von 1914 bis 1917 lebte er in Barcelona, wo er sich 1916 dem Dada-Kreis um die Galerie Josep Dalmau anschloss und dort Francis Picabia kennenlernte, mit dessen Zeitschrift 391 er zusammenarbeitete. In Barcelona entstanden auch Zeichnungen für zwei Trickfilme zu russischen Themen.[1]

1917 kehrte Serge Charchoune nach Paris zurück. 1921 wurde er Mitglied der literarischen Gruppierung Palata poetov und des Verbands russischer Künstler. Eine geplante Reise über Berlin nach Russland führte nicht zur Rückkehr in die Heimat; er blieb von 1922 bis 1923 in Berlin, wo er unter anderem mit Andrei Belyi, Iwan Puni, Valentin Parnach und Boris Poplavskij verkehrte. In dieser Zeit arbeitete er an dadaistischen Editionen mit, darunter Manomètre, Mecano und Merz, gab die Broschüre Dadaismus heraus und begründete die in russischer Sprache erscheinende Zeitschrift Perevoz Dada, die später in Paris fortgeführt wurde und bis 1949 insgesamt 13 Nummern erreichte. Von 1913 bis 1923 war er mit der Bildhauerin Hélène Grunhoff (Helene Grünhoff) verheiratet.[1]
Ab 1923 lebte Serge Charchoune wieder in Paris und war 1923/24 Mitglied der Gruppe Čerez. Er pflegte Kontakte zu Polina Chentova und verkehrte in den 1930er Jahren im Pariser Literatursalon Zelenaja lampa von Dmitri Sergejewitsch Mereschkowski und Sinaida Hippius. Er arbeitete an den Zeitschriften Čisla (1930–1934, Paris), Miecz (1934–1939, Warschau), Poljarnaja zvezda (1935, Paris/Brüssel) und Krug (1936–1938, Paris) mit. Später gab er die russischsprachigen Zeitschriften Pamjatnik (1948–1957, 3 Nummern), Klapan (1958–1968, 20 Nummern), Vjuška i Vjuška (1969–1971, 4 Nummern) und Svečečka (1972/73, 2 Nummern) heraus. 1963 und 1968 unternahm er Reisen in die Slowakei, das Herkunftsland seines Vaters. 1973/74 hielt er sich auf den Galápagos-Inseln auf, wo eine Serie von Gemälden entstand. Serge Charchoune starb am 24. November 1975 in Villeneuve-Saint-Georges bei Paris.[1]
Werk
Serge Charchounes Werk, hauptsächlich Ölgemälde und Aquarelle, stand zunächst unter dem Einfluss Henri Le Fauconniers und des französischen Kubismus, etwa in den Compositions élastiques (1913/14). Zwischen 1914 und 1917 entwickelte er, angeregt durch die spanisch-maurische Kunst, insbesondere die Azulejos, einen eigenen Stil, den er als „ornamentalen Kubismus“ bezeichnete: eine Verbindung abstrakter Symbole mit figurativ-geometrischen Elementen, wie in Ornemental No 1 (1916). Daneben verarbeitete er Anregungen des Dadaismus.[2]
Ab Mitte der 1920er Jahre stand sein Werk unter dem Einfluss der Anthroposophie Rudolf Steiners. 1927 lernte er Amédée Ozenfant kennen und wandte sich dem Purismus zu, wie in Fenêtre Printemps (1929). Gegen Ende der 1920er und in den 1930er Jahren entstanden vor allem halbabstrakte Landschaften und Stillleben, darunter Le petit jardin (1928), Paysage de Normandie (1931) und Poteries (1938). Ab Mitte der 1940er Jahre schuf Charchoune abstrakte Werke zum Element Wasser, etwa La mer transparente, le vaisseau fantôme (1948) und den Zyklus Venise (1952), die auf der Rhythmik von Wellenlinien und insbesondere auf Weiß-Modulationen beruhen. Daneben entstanden Werke zu literarischen Themen, darunter die Serie Métamorphose de Kafka. Ab den 1950er Jahren unternahm er Versuche, musikalische Themen – unter anderem von Bach, Haydn, Weber, Strawinski, Brahms, Mendelssohn, Skrjabin und Tschaikowski – in Malerei umzusetzen, etwa in Symphonie inachevée de Schubert No 1, 2 (1952) und Concerto pour piano de Beethoven (1961), wobei er Verfahren der monochromen Malerei einsetzte. In seinen späten Werken, darunter Landschaften der Galápagos-Inseln und ein Selbstporträt (1973/74), strebte Charchoune eine monochrome, mathematisch ausgewogene Komposition an.[2]
Serge Charchoune war zudem als Buchgestalter und -illustrator tätig, unter anderem zu Pierre Lecuires Lettres de Jean Boret (Paris 1957) und zu Paul Valérys Mon Faust (Bratislava 1971).[2]
Schriftstellerisches Werk
Ab 1918 veröffentlichte Charchoune erfolgreich literarische Werke in französischer Sprache, darunter Gedichte, Romane und Aphorismen. Zu seinen Schriften zählen Foule immobile (Paris 1921, handschriftlich, mit zwölf eigenen Zeichnungen) und Abakadabra (Paris 1971, mit eigenen Illustrationen). 1967 veröffentlichte er in der Zeitschrift Vozdušnie puti den autobiografischen Text Moe učastie vo francuzskom dadaističeskom dviženii (deutsch: „Meine Beteiligung an der französischen dadaistischen Bewegung“).
Werke in Museen und Sammlungen (Auswahl)
- Werke Charchounes befinden sich unter anderem in folgenden Institutionen:
- Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
- Slovenská národná galéria, Bratislava
- Musée de peinture et de sculpture, Grenoble Museum Ludwig, Köln
- Sammlung Geneviève und Jean Masurel, Communauté urbaine, Lille Tretjakow-Galerie, Moskau
- Musée national d’art moderne und Musée d’Art moderne de la Ville de Paris, Paris
- Musée d’art moderne, Villeneuve-d’Ascq Kunsthaus Zürich
Ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen fanden unter anderem in folgenden Orten statt: 1916/17 Barcelona (Galerie Dalmau, mit Hélène Grunhoff); 1922 Berlin (Galerie Der Sturm); 1923 Berlin (Russische Buchhandlung Zarja, mit Ksenija Leonidovna Boguslavskaja und Elena Liessner); 1920, 1926, 1929, 1944–1957, 1970, 1976, 1988 Paris (Galerien Fournet, Boucher, Percier, du Verseau, Creuze, J. L. Roque, de Seine, Guénégaud, Fanny Guillon-Lafaille); 1942 New Haven; 1960 New York und Heidelberg; 1962 und 1969 Mailand; 1964 Saint-Étienne; 1967, 1970/71 Luxemburg; 1967, 1971 Genf; 1969 Bergamo; 1970/71 Reims (Musée); 1979 Bern; 1980 Les Sables-d’Olonne (Musée de l’Abbaye Sainte-Croix); 1981 Nizza (Galerie des Ponchettes); 1989 Amiens und Saint-Riquier; 2004 Madrid (Fundación Cultural MAPFRE Vida). Eine Retrospektive fand 1971 im Musée national d’art moderne in Paris statt (Katalog: Patrick Waldberg).[3]
Literatur
- Alain Bosquet: Charchoune. Une archéologie de l’âme. Paris 1973.
- Raymond Creuze: Serge Charchoune. 2 Bände. Paris 1975–1976.
- Raymond Creuze: Charchouniana. Paris 1989.
- Michel Seuphor: Dictionary of Abstract Painting. New York 1957.
- Eberhard Steneberg: Russische Kunst Berlin 1919–1932. Berlin 1969, S. 50.
- Karl Schlögel (Hrsg.): Der große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917–1941. München 1994, S. 256.
- Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 3: Bülow – Cossin. Paris, 2006.
- Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online, De Gruyter 2009.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d SERGE CHARCHOUNE - BIOGRAPHIE. Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ a b c SERGE CHARCHOUNE - ŒUVRES. Abgerufen am 20. Juni 2026.
- ↑ SERGE CHARCHOUNE - EXPOSITIONS. Abgerufen am 20. Juni 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Charchoune, Serge |
| ALTERNATIVNAMEN | Шаршун, Сергей Иванович |
| KURZBESCHREIBUNG | russisch-französischer Maler und Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 4. August 1888 |
| GEBURTSORT | Buguruslan |
| STERBEDATUM | 24. November 1975 |
| STERBEORT | Villeneuve-Saint-Georges |
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