Travis Bickle
Travis Bickle ist eine fiktive Figur und der Antiheld des 1976 veröffentlichten Films Taxi Driver von Martin Scorsese. Die Figur wurde vom Drehbuchautor Paul S…

Travis Bickle ist eine fiktive Figur und der Antiheld des 1976 veröffentlichten Films Taxi Driver von Martin Scorsese. Die Figur wurde vom Drehbuchautor Paul Schrader geschaffen und von Robert De Niro dargestellt. Für seine Darstellung erhielt De Niro Nominierungen für einen Oscar, einen British Academy Film Award und einen Golden Globe Award.[1][2][3]
Bickle gilt als eine der bekanntesten Figuren des amerikanischen Kinos. Das American Film Institute setzte ihn auf Platz 30 seiner Liste der größten Filmschurken. Der von De Niro weitgehend improvisierte Satz „You talkin’ to me?“ aus Bickles Monolog vor einem Spiegel erreichte außerdem Platz zehn einer AFI-Liste der bekanntesten Filmzitate.[4][5]
Handlung
Travis Bickle ist 26 Jahre alt und lebt allein in New York City. Bei der Bewerbung um eine Stelle als Taxifahrer gibt er an, früher im United States Marine Corps gedient und am Vietnamkrieg teilgenommen zu haben. Da er unter chronischer Schlaflosigkeit leidet, beginnt er nachts als Taxifahrer zu arbeiten. Zunehmend betrachtet er die Stadt durch eine von Abscheu und Entfremdung geprägte Haltung und hält seine Gedanken in einem Tagebuch fest.[6]
Bickle verliebt sich in Betsy (Cybill Shepherd), die im Wahlkampfbüro des Präsidentschaftskandidaten Charles Palantine arbeitet. Zunächst nimmt sie seine Einladung zu einem Treffen an. Nachdem Bickle sie jedoch in ein Sexkino mitnimmt, bricht sie den Kontakt ab. Seine Versuche, sie zurückzugewinnen, scheitern, und seine Wut und gesellschaftliche Entfremdung verstärken sich.[6]
Bickle kauft mehrere Schusswaffen, beginnt intensiv zu trainieren und konstruiert Vorrichtungen, mit denen er die Waffen verborgen tragen kann. Vor dem Spiegel probt er imaginäre Konfrontationen. Schließlich rasiert er sich einen Irokesenschnitt und begibt sich zu einer Wahlkampfveranstaltung Palantines, offenbar mit der Absicht, den Politiker zu erschießen. Nachdem Sicherheitsbeamte auf ihn aufmerksam werden, flieht er.[6]
Zugleich entwickelt Bickle den Wunsch, die zwölfjährige Iris (Jodie Foster) aus der Prostitution zu befreien. Er versucht zunächst, sie zur Rückkehr zu ihrer Familie zu bewegen. Nachdem dies scheitert, sucht er ihren Zuhälter Sport (Harvey Keitel) und das Gebäude auf, in dem Iris Kunden empfängt. Bickle erschießt dort mehrere Männer und wird selbst schwer verletzt. Anschließend versucht er, sich zu töten, stellt jedoch fest, dass seine Waffen keine Munition mehr enthalten.[6]
Nach der Tat wird Bickle in den Medien als Held dargestellt, weil er Iris aus der Prostitution befreit habe. Nach seiner Genesung arbeitet er erneut als Taxifahrer. Eines Abends steigt Betsy in sein Taxi und spricht ihn auf seine Bekanntheit an. Bickle verlangt kein Geld für die Fahrt und fährt davon.[6]
Entstehung und Konzeption
Schraders persönliche Erfahrungen
Paul Schrader entwickelte Travis Bickle während einer persönlichen Krise. Nach dem Ende seiner Ehe und einer weiteren Beziehung war er zeitweise ohne feste Wohnung, lebte teilweise in seinem Auto, trank stark und litt unter Schlaflosigkeit. Nachts hielt er sich unter anderem in Sexkinos auf, die rund um die Uhr geöffnet waren. Nachdem er wegen eines blutenden Magengeschwürs im Krankenhaus behandelt werden musste, entwickelte er das Bild des Taxis als Metapher für einen Menschen, der von anderen umgeben und dennoch vollständig isoliert ist.[7]
Schrader schrieb die erste Fassung des Drehbuchs nach eigener Aussage innerhalb von zehn Tagen. Jahrzehnte später erklärte er, er habe die Figur damals gewissermaßen aus sich herausschreiben müssen, weil er befürchtet habe, ihr sonst selbst immer ähnlicher zu werden.[7]
Als literarischen Ausgangspunkt nannte Schrader den „Kellermenschen“ aus Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Vor dem Schreiben beschäftigte er sich zudem erneut mit Werken von Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Sein Ziel sei es gewesen, den aus der europäischen und amerikanischen Literatur bekannten isolierten und existenziell entfremdeten Menschen in eine zeitgenössische Filmfigur zu übertragen.[7]
Arthur Bremer und weitere Einflüsse
Ein weiterer Impuls war das Attentat von Arthur Bremer auf den US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten George Wallace im Mai 1972. Schrader erklärte in einem zeitgenössischen Interview, während seines Krankenhausaufenthalts hätten sich zwei Elemente zur Grundidee des Drehbuchs verbunden: Bremers Attentat und Harry Chapins Lied Taxi, in dem ein Taxifahrer einer früheren Freundin begegnet.[8]
Entgegen späteren vereinfachten Darstellungen basierte das Drehbuch jedoch nicht unmittelbar auf Bremers veröffentlichtem Tagebuch. Schrader betonte, das Drehbuch bereits vor dessen Veröffentlichung fertiggestellt zu haben. Nachdem er das Tagebuch später gelesen hatte, habe er bewusst keine Passagen daraus in das Drehbuch übernommen.[8]
Für das Motiv, dass Bickle nach seiner Gewalttat von der Öffentlichkeit zum Helden erhoben wird, nannte Schrader später auch die mediale Aufmerksamkeit für politische Attentäter als Einfluss. Er sah darin eine Gesellschaft, in der bereits der Versuch eines spektakulären Gewaltakts öffentliche Bekanntheit erzeugen könne.[7]
Perspektive und Darstellung
Der Film zeigt die Welt nahezu vollständig aus Bickles Perspektive. Schrader beschrieb diese Sichtweise als bewusst eingeschränkt: Das Publikum erhalte keine neutrale Gegenperspektive, sondern erlebe New York durch Bickles zunehmend verzerrte Wahrnehmung.[9] Bereits 1976 erklärte Schrader, der Zuschauer befinde sich gewissermaßen im Kopf der Figur und müsse zunächst deren subjektive Realität akzeptieren.[8]
Robert De Niro bereitete sich intensiv auf die Rolle vor und erwarb unter anderem einen New Yorker Taxifahrerschein.[10]
Der Monolog vor dem Spiegel war im Drehbuch nur in seinen Grundzügen vorgesehen. Bickle sollte mit seinen Waffen hantieren und eine imaginäre Konfrontation spielen; die konkreten Worte wurden De Niro überlassen. Dabei entstand auch der Satz „You talkin’ to me?“, der sich zu einem der bekanntesten Filmzitate entwickelte.[8][7]
Analyse und Rezeption
Bickle wird als gesellschaftlich isolierter Mensch dargestellt, dessen Unfähigkeit, Beziehungen aufzubauen, zunehmend in Ressentiments, Allmachtsfantasien und Gewalt umschlägt. Während er sich selbst als möglichen Retter betrachtet, zeigt der Film zugleich seine Vorurteile und seine verzerrte Wahrnehmung. Schrader betonte, dass das Publikum ausschließlich Bickles Version der Stadt sehe und dadurch zeitweise in dessen subjektive Weltsicht hineingezogen werde.[9]
Ein zentrales Merkmal der Figur ist der Wunsch nach einer gewaltsamen Transformation. Bickle beginnt als einsamer, orientierungsloser Taxifahrer und erschafft sich schrittweise die Rolle eines bewaffneten Rächers. Dass sein geplantes Attentat auf Palantine scheitert, während er nach dem späteren Massaker zur öffentlichen Heldenfigur wird, bildet eine zentrale Ironie der Handlung.[6]
Zum 50. Jubiläum des Films ordnete Schrader die Figur auch in einen gegenwärtigen gesellschaftlichen Zusammenhang ein. Männer wie Bickle würden heute teilweise als „Incels“ bezeichnet: isolierte Männer, die ihre mangelnde Fähigkeit zu Beziehungen in Wut und Ressentiments verwandelten und sich eine gewaltsame Veränderung ihres Lebens vorstellten.[7]
De Niros Darstellung wurde vielfach ausgezeichnet beziehungsweise nominiert. Neben der Oscar-, BAFTA- und Golden-Globe-Nominierung setzte das American Film Institute Travis Bickle im Jahr 2003 auf Platz 30 seiner Liste der größten Filmschurken.[1][2][3][4]
„You talkin’ to me?“
Besonders bekannt wurde Bickles Monolog vor dem Spiegel, in dem er eine Auseinandersetzung mit einem imaginären Gegner probt. Das American Film Institute setzte „You talking to me?“ 2005 auf Platz zehn seiner Liste der bedeutendsten amerikanischen Filmzitate.[5]
Die Szene wurde vielfach zitiert und parodiert und entwickelte sich zu einem der am stärksten mit De Niro verbundenen Momente seiner Karriere. Bei einer Jubiläumsveranstaltung im Jahr 2016 scherzte der Schauspieler, seit vier Jahrzehnten spreche ihn praktisch täglich jemand mit dem Zitat an.[7]
Einfluss auf John Hinckley
Eine besondere und kontroverse Wirkungsgeschichte entstand durch John Hinckley, Jr., der am 30. März 1981 ein Attentat auf Ronald Reagan verübte. Hinckley war von Jodie Foster besessen, nachdem er sie in Taxi Driver gesehen hatte, und wollte sie mit einer spektakulären Tat beeindrucken.[7]
Während seines Strafprozesses spielte der Film eine bedeutende Rolle bei der Darstellung seines psychischen Zustands. Psychiater erklärten, Hinckley habe Taxi Driver wiederholt gesehen und sich mit Travis Bickle identifiziert. Die Verteidigung ließ den gesamten Film als letztes Beweismittel vor der Jury vorführen.[11]
Die Verbindung erzeugte eine auffällige Wirkungskette: Schraders Figur war unter anderem durch Arthur Bremers Attentat auf George Wallace angeregt worden; wenige Jahre nach Veröffentlichung des Films wurde Bickles fiktiver Attentatsversuch wiederum zu einem Bezugspunkt im Prozess gegen Hinckley. Die Rolle des Films sollte dabei jedoch nicht mit einer einfachen Ursache für die Tat gleichgesetzt werden: Im Prozess wurde er als Teil von Hinckleys Obsessionen und seiner psychischen Verfassung behandelt.[8][11]
Kulturelle Wirkung
Travis Bickle und insbesondere die Spiegelszene wurden vielfach in anderen kulturellen Werken aufgegriffen. Der schottische Künstler Douglas Gordon verwendete sie 1999 für seine Videoinstallation Through a Looking Glass. Darin wird die Szene mit Bickle und seinem Spiegelbild auf zwei gegenüberliegenden Projektionsflächen gezeigt. Das Werk befindet sich in der Sammlung des Solomon R. Guggenheim Museums.[12]
Als deutlich von Bickle und Taxi Driver beeinflusst wurde auch Arthur Fleck in Todd Phillips’ Film Joker (2019) beschrieben. Beide Figuren sind gesellschaftlich isolierte Männer, deren subjektive Wahrnehmung und zunehmende Gewaltbereitschaft das Zentrum der Handlung bilden. Der Film greift zudem einzelne visuelle Motive aus Taxi Driver auf; mit Robert De Niro wurde zugleich Bickles Darsteller in einer zentralen Nebenrolle besetzt.[13]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b The 49th Academy Awards – 1977. In: Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Actor. In: BAFTA. Abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Taxi Driver. In: Golden Globes. Abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b AFI’s 100 Years…100 Heroes & Villains. In: American Film Institute. Abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b AFI’s 100 Years…100 Movie Quotes. In: American Film Institute. Abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e f Taxi Driver. In: AFI Catalog. American Film Institute, abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e f g h David Smith: ‘If I didn’t write about him, I’m afraid I might become him’: the making of Taxi Driver at 50. In: The Guardian. 9. Februar 2026, abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e Richard Thompson: Screen Writer: Paul Schrader. In: Film Comment. März 1976, abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Paul Schrader: “The Dirty-Laundry Business”. In: American Film. American Film Institute, abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Robert De Niro, Honorary Palme d’or of the 78th Festival de Cannes. In: Festival de Cannes. 7. April 2025, abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Laura A. Kiernan: Hinckley, Jury Watch 'Taxi Driver' Film. In: The Washington Post. 28. Mai 1982, abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Douglas Gordon – through a looking glass. In: The Guggenheim Museums and Foundation. Abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
- ↑ K. Austin Collins: Rewatching Taxi Driver in the Age of Joker. In: Vanity Fair. 9. Oktober 2019, abgerufen am 5. Juli 2026 (englisch).
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